Das Leben der Anderen

Echtes Familienleben VS Social Media Familienleben

“Liebe Gruppe, habt ihr Tipps, damit mein Kind eher durchschläft? Ich kann nicht mehr!” Aha… Eure Kinder schlafen also von selbst schon seit dem sechsten Monat durch? Wie, deines bringt dir schon seit dem Vierten Monat Frühstück ans Bett? Danke für nichts.

Mann, hab ich der Kleinen heute eine schöne Frühstücksbox gepackt! Trauben, Knabberzeug, Frischkäsebrot, Gurke. Huch, ihr ja auch: selbstgebackener Dinkelmuffin, selbstgemachte, vegane Weingummis, karmagereinigtes Bio-Obst. Garniert mit einem Seitenhieb gegen Fruchtquetschies. Na logisch.

Familienselfie-Time! Neeee lass mal, die Bilder sind alle nix, ich seh kacke aus und überhaupt, wer will denn das sehen? Ach, kuck mal da: Dieser Papa hat das schlafende Päckchen auf der Brust liegen, Mama kuschelt sich an die beiden, keiner hat Stress, keiner nen Fleck auf dem Hemd, keiner schwitzt und die Sonne scheint durchs Wohnzimmerfenster. Oder hier: Eine halbe Brust, jugendfrei gemacht duch den Hinterkopf des daran nuckelnden Babys. Schönen Filter ausgewählt, Hashtag Mutterglück und die Bildunterschrift sagt irgendwas von unendlicher Liebe und größtem Glück. Natürlich, denn wer hat schon Schmerzen oder ist gar dem Schlafentzugswahnsinn nahe.

Die heile Welt hat ‘nen Auswärtstermin

Und bei uns? Wieso ist die heile Welt so oft bei den Anderen gebucht, anstatt hier?

Ist sie ja gar nicht. Alles scheint zwar so einfach, so harmonisch, so erfüllend – doch alles ist nur die halbe Wahrheit. Die Augenringe und die missmutigen Gesichter der übernächtigten Eltern sieht man nirgends. Auch nicht die kaum angerührte, nur leicht zermatschte Frühstücksbox und den traurigen Blick der Mutter, die sich um das Essverhalten Sorgen macht. Ebensowenig postet einer das Dauerchaos in der Wohnung, das unterschwellig an den Nerven zehrt. Ebensowenig die verschmierten Bequem-Klamotten der Eltern oder die Beulen und Kratzer am Kind vom Hinfallen und durch-Schmerzen-lernen. Das sind nämlich die anderen, die unfotogenen und unpopulären 50% vom jungen Familienleben.

Ich würde gern behaupten, dass Mum und ich es gaaanz anders machen, doch wir sind mitschuldig. Ich habe vorhin mal meine Instagram-Fotos, Tweets und Facebook-Postings durchgesehen. Fast nur heile Welt, vielleicht nicht mit ganz dem Anspruch an Perfektionismus wie andernorts, aber immernoch ohne echte Schattenseiten.

Irgendwie ist es ja auch normal, eher schöne Dinge mit anderen zu teilen, als negative. Schlechte Nachrichten zu posten hat ja immer den leichten Beigeschmack des Mitleid-Erhaschens. Außerdem möchte man sich naturgemäß lieber an die schönen Momente und Phasen erinnern, als an jene die einen zum Schimpfen, zum Heulen, zum Kotzen gebracht haben.

Vielleicht sogar zum Zweifeln: Zum sich-selbst-fragen, warum man sich das angetan hat. Oder zum Selbstzweifeln mit der Frage, ob man ungeeigneter ist als andere oder mehr falsch macht. Was der Fulltime-Job Kind mit dem Privatleben macht, kann man mal humorvoll andeuten, indem man ein vorher-nachher-Foto postet: früher Papa’s Hobbyzimmer, jetzt Kinderzimmer. Aber was es mit der Beziehung des Elternpaares macht, das will man keinem zumuten. Dass man sich während einem Jahr so oft anzickt wie in den ganzen Jahren davor nicht, und man plötzlich ansatzweise versteht, wie manche Beziehungen ausgerechnet am ersten gemeinsamen Kind zerbrechen.

Wir Eltern vom Blog

Die sozialen Netzwerke sind vielleicht wirklich nicht der geeignete Ort für schonungslos authentisches Dokumentieren des Familienlebens. Ein Bild sagt nicht immer mehr als tausend Worte, ist manchmal überflüssig. Für viele sensible Themen ist gerade Facebook zu unsensibel, mit seiner asozialen Kommentarkultur, die nahelegt, bei oberflächlichen Themen zu bleiben. Da lieber Frühstücksboxen. Da können sich dann die Muddis über den Inhalt das Maul zerreißen.

Etwas authentischer als in den sozialen Netzwerken geht es in Blogs zu. Nicht nur auf meinem, sondern zum Beispiel auch auf rubbelbatz.de – Hanna’s Artikel “Mein Kind macht mich wahnsinnig” ist genau das, was ich meine. Allerdings findet man diesen persönlichen, informellen Stil selten. Es würde helfen, wenn mehr Blogger weniger aus pädagogischer Sicht bzw. aus der Ratgeber-Ecke bloggen würden. Zumindest immer mal wieder zwischendurch. Es gibt einige wirklich tolle Eltern-Blogs, die ich sehr gerne lese, weil die Artikel sehr interessant sind und schön geschrieben. Aber: Mir fehlen mehr Blogs, in denen die Autoren wie Freunde schreiben, mit denen man sich am Esstisch bei einer Flasche Wein (pro Kopf) über seine geliebten Quälgeister austauscht. Austausch mit Freunden ist das Wichtigste, findet übrigens Christian von vonguteneltern.de.

Fragt mal die Anderen

Im Mikrouniversum des eigenen Familienalltags stauen sich Probleme und Frust auf, machen sich größer, als sie sind, so lange sie hier isoliert bleiben und man keine Vergleiche anstellt. “Andere kriegn’s doch auch hin!” Wirklich? Tun sie das? Alle? Von sich aus erzählt jeder natürlich erstmal wie schön alles läuft. Aber fragt man mal gezielt nach Erfahrungen mit diesem oder jenem Problemchen, fängt plötzlich der konstruktive und ungemein erleichternde Erfahrungsaustausch an. Da merkt man, dass es anderen genauso oder gar noch schlechter geht.

Austauschen kann man sich in der Kita, beim Kinderarzt, auf dem Spielplatz, im Freundeskreis, mit den Eltern und Schwiegereltern, mit der Hebamme, auf dem Kinderflohmarkt, beim Smalltalk im Bus. Es muss gar nicht immer die große Therapiesitzung sein. Einfach von einer anderen Mutter beiläufig erzählt zu bekommen, dass es bei ihr momentan ganz genauso läuft, kann schon den Tag retten.

Appendix

Wie komme ich eigentlich darauf? Wir Dreierbande haben eine sehr schwierige Woche hinter uns. Alle krankgeschrieben, geschwächt, genervt, Lagerkoller vom Heimlazarett, eine Mini, die zwischen überdreht und unausstehlich schwankt, uns durch Nahrungsverweigerung Sorgen macht. Wir zicken uns an, sind dauergenervt, müde, und müssen aber irgendwie da durch, denn niemand kann uns Mini mal abnehmen. So oft dachte ich diese Woche sehnsüchtig zurück an die unendlich viel einfacheren Zeiten vor der Mini-Ära. Dann wieder will ich diese Zeiten auf gar keinen Fall zurück haben, wenn wir zusammen Mittagsschlaf machen, und sie an mich gekuschelt daliegt, mit ihrem Hasen fest im Griff. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie schade es ist, dass solche Phasen uns zeitweise die Freude am Familienleben kaputt machen können. Diese Woche war nur die Krönung einer andauernden Phase, während der sie ganz schlechte Essgewohnheiten entwickelt hatte und demzufolge auch schon abgenommen hat. Sorgen, Ratlosigkeit, Endfrust bei Mum und Dad. Gleichzeitig diese Aha-Erlebnisse, wenn die Kinderärztin oder eine Erzieherin mal kurz aus dem Nähkästchen geplaudert hat und Minis Problemchen in den größeren Kontext gesetzt hat. Plötzlich fühlte es sich nicht mehr so schlimm an. So habe ich beschlossen, mal ein paar Zeilen lang laut darüber nachzudenken. Über Sinn und Zweck des Bloggens, Teilen, Vernetzens. Sicher nicht erschöpfend, vielleicht nicht überall ganz schlüssig, aber für Ergänzungen und Kritik zum Artikel (oder zum Leben allgemein) gibt es schließlich die Kommentarfunktion und euch da draußen!

3 Kommentare

  1. Hi Dominik,
    Du wirst eventuell nicht begeistert sein, aber ich habe Dich (ja, ernsthaft!) für den Mystery Blogger Award nominiert. Ich wollte zunächst selbst nicht mitmachen, es hat am Ende aber Spaß gemacht.

    Die Regeln findest Du hier: https://fluegge-blog.de/ueber-mich/mystery-blogger-award/.

    Und wenn Du da gar keine Lust drauf hast, dann ist das völlig in Ordnung und nachvollziehbar – dann war’s mir trotzdem eine Ehre, Deinen Blog mal empfohlen zu haben. 🙂

  2. Oh Ihr Lieben, ich kann das so gut nachvollziehen. Zweisamkeit … was ist Das??? Ich habe meine pubertierender 10 jährige, die mich in den Wahnsinn treibt. Ständig ist sie genervt von allen was ich von ihr möchte. Rund um die Uhr möchte de YouTube sehen, whatsappen und chillen!!! Und dann mein 2jähriger, der am Mittwoch mit dem Krankenwagen aus der Kita abgeholt wurde. Und ich bekam den am meisten gefürchteten Anruf:” Frau Schmidt, siw müssen kommen. Ihr Sohn hat sich verletzt. Der Rettungswagen ist verständigt.” Im Krankenhaus ging er dann über Tische und Bänke, hat nicht gehört, hat mit Dingen nach anderen Patienten geworfen. Und Mama wollte vor Charme im Erdboden versinken.

    Das sind nur zwei kleine Beispiel aus unserem momentanen Chaos. Da gibt es noch so viel mehr. Und es wäre gelogen zu sagen, dass es besser wird. Es wird nur anders.

    Aber wenn der kleine eng umschlungen nachts in meinen Armen liegt und die Große kommt und sagt “Mama, ich hab dich lieb. Du bist de Beste!” Dann weiß man, dass sich all der Stress lohnt.

    Ich wünsche Euch weiter viel Kraft.nihr schafft das. Aber vergesst euch als Paar nicht.

    • Dad

      20. November 2017 at 11:18

      Tjaja, dass es nicht einfacher wird, nur anders, damit habe ich mich mittlerweile abgefunden. Ich hoffe dem Kleinen gehts wieder gut? Nachdem er im Krankenhaus noch so viel Energie hatte, scheint es ja nichts allzu Ernstes gewesen zu sein?
      Jedenfalls danke für deinen Beitrag! Genau das, was ich meinte mit Austausch. Obwohl manchmal denke ich mir auch, ich muss mal aufpassen, nicht undankbar zu werden. Das Kind ist nicht ernsthaft krank, hat keine chronischen physischen oder psychischen Probleme irgendeiner Art, entwickelt sich toll… Andere Eltern haben da ganz andere Sorgen.

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