Ein Zeitungsartikel über Elterngeld, ein fassungsloser Dad und seine ausführliche Antwort darauf

Am 15. März erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Meinungsartikel zum Thema Elternzeit und Elterngeld mit der Überschrift: Elterngeld ist kein staatlich gesponsertes Urlaubsgeld. Ihre These fasst die Autorin Kerstin Lottritz in der Einleitung zusammen:

“Viele junge Familien nutzen das Geld, um wochenlang zu reisen. Aber Urlaub auf Staatskosten ist unverschämt – und eine vertane Chance obendrein.”

Drei steile Behauptungen in zwei kurzen Sätzen und ein Dad-Blogger, der beim Lesen an dieser Stelle schon erhöhten Puls hatte. Also habe ich weitergelesen, denn auch wenn eine Überschrift erstmal nach hanebüchenem Blödsinn klingt, kann ja der Artikel immernoch gut sein. Eventuell kommen Argumente, an die man selbst nicht dachte, so dass die vermeintlich doofe These plötzlich überraschend logisch wirkt. Leider kam es nicht so. Je länger ich gelesen habe, desto fassungsloser wurde ich darüber, wie eine intelligente Frau, die selbst verheiratete Mutter ist – also genau weiß, wovon sie spricht – dermaßen falsche Behauptungen aufstellen kann.

Falls das jetzt etwas sehr drastisch klingt, sorry dafür. Ich meine es nicht böse, aber ich lass’ das jetz so. Denn ich meine es so. Ich will gar nicht so tun, als hätte ich die Wahrheit für mich gepachtet. Auch auch meine Sichtweise ist infrage zu stellen. Aber ich habe beschlossen, eine kurze Antwort zu verfassen.

Ich arbeite zwar mit ausführlichen Zitaten aus dem Zeitungs-Artikel, doch das ist kein Ersatz dafür, ihn einmal selbst zu lesen. Nehmt euch doch bitte kurz die Zeit: Zum Artikel

Als Basis: Die wichtigsten Fakten zum Elterngeld

  • Die Elternzeit beträgt 12 Monate, wenn nur 1 Elternteil sie nimmt. Nehmen beide Elternzeit erhöht sich der Anspruch auf 14 Monate, die die Elternteile frei unter sich aufteilen können.
  • Wie viel des Elternzeitanspruchs jemand nimmt, ob lange am Stück oder kürzere Phasen (oder ob überhaupt), bleibt jedem selbst überlassen. Wenn, dann müssen es aber mindestens 2 Monate am Stück sein.
  • Gehalt vom Arbeitgeber fällt während der Elternzeit komplett weg.
  • Als Elterngeld bekommt man vom Staat 67% des monatlichen Nettoeinkommens, das sich aus dem Durchschnitt der letzten 12 Monate vor der Geburt des Kindes berechnet. (Ab einer bestimmten Einkommenshöhe sind es 65%.)
  • Die Höhe des Elterngeldes ist auf maximal 1800 EUR gedeckelt
  • Arbeitslose oder geringfügig Beschäftigte erhalten 300 EUR pauschal als Elterngeld.

Behauptung: Elterngeld kann als staatlich gesponsertes Urlaubsgeld missbraucht werden.


“Wer das Elterngeld nur als staatlich gesponsertes Urlaubsgeld nutzt, ist unverschämt. Er nutzt das Sozialsystem aus und kommt seiner Verantwortung nicht nach, das Geld seinem Zweck entsprechend einzusetzen. Darüber hinaus verhält er sich unfair gegenüber dem Elternteil, der sich nach der Reise wieder alleine um das Kind kümmert.”

Da möchte ich als erstes mal wissen: Wie viel Reise kann man sich denn vom Elterngeld gönnen, nachdem sämtliche Lebenshaltungskosten abgezogen wurden? Bekommen beide recht viel, dann ein kleines Urläubchen vielleicht. Mit dem eigenen Bulli roadtrippen, klar das kost ja nicht viel. Aber wochenlang, gar zwei Monate klassisch reisen? Niemals. Von “staatlich gesponsertem Urlaub” zu sprechen ist eine maßlose Übertreibung.

Zugegeben, das Elterngeld ermöglicht vielen Familien das Reisen sicher erst, weil so nur die Reisekosten vom Sparbuch bezahlt werden müssen. Aber genau das schlägt Frau Lottritz ja vor: Elterngeld für die Lebenshaltungskosten nutzen, Reisen vom Ersparten. Wenn man Erspartes besitzt, aber nicht genug, um zwei Monate ohne Gehalt zu überbrücken plus zu reisen, dann steht und fällt das gemeinsame Reisen mit dem Elterngeld. Point taken. Aber wer über keine hohe Kante verfügt, dem verschafft auch das Elterngeld keine Reise. Wo ist also das Problem?

Auf das Thema Fairness, also auf den zweiten Satz des Zitats, gehe ich weiter unten ein.

Behauptungen: Reisen mit Kind ist Entspannung pur. Und: Der Vater vertut die Chance, sich auch mal intensiv ums Kind zu kümmern.


“Mal abgesehen vom finanziellen Aspekt: Wenn Väter ihre Elternzeit ausschließlich als Zeit der Entspannung jenseits realer Bedingungen gestalten, vergeben sie auch die Chance, ihre neue Rolle im Alltag zu erlernen. Sicher, im Urlaub wächst man als Familie zusammen, hat viel Zeit füreinander. Doch eine wochenlange Reise hat nichts mit dem realen Leben junger Eltern zu tun. Füttern, Windeln wechseln, sich die Nächte mit dem schreienden Kind auf dem Hüpfball um die Ohren schlagen – was es bedeutet, sich um ein Kind zu kümmern, erfahren beide nur, wenn sie in solchen konkreten Situationen auch mal auf sich allein gestellt sind. Was nur möglich ist, wenn beide Partner ihre Elternzeit gleichberechtigt nutzen.”

Ich wusste bis jetzt nicht, dass Kinder im Urlaub weder gefüttert, noch gewindelt werden müssen, dass sie nicht schreien und durchschlafen. Jetzt freue ich mich noch mehr auf den ersten Urlaub! Sarkasmus beiseite: Abgesehen davon, dass man sich an einem anderen Ort befindet und den Hüpfball vermutlich zuhause gelassen hat (wir besitzen gar keinen), sind die Routinen der Kindumsorgung ja wohl exakt die gleichen. Und zwar endlich mal – dank Elternzeit – Hälfte-Hälfte, nicht wie sonst 80:20. Das gilt fürs nachts Aufstehen, fürs Windeln und  Anziehen, Füttern, Schieben/Tragen, für alles eben. Zum Beispiel wie an einem Wochenende daheim. Wochenenden sind nämlich gute Gelegenheiten für den arbeitenden Elternteil, sich mit dem Gefühl der Vollzeitbetreuung vertraut zu machen.

Außerdem, was heißt “neue Rolle im Alltag”? Der hier kritisierte Fall, dass der Vater nur zwei Monate nimmt, davon die meiste Zeit gereist wird und er danach wieder arbeiten geht, sieht keine “Zeit danach” in einer neuen Rolle vor.

Behauptung: Der Durchschnittsverdiener könnte locker zwei Monate ohne Gehalt leben.


“Väter bekommen im Monat durchschnittlich 1200 Euro Elterngeld, Mütter dagegen nur 709 Euro […] Viele der Väter haben also ein so hohes Monatseinkommen, dass sie es sich ohnehin leisten könnten, für zwei Monate auf ihr Gehalt zu verzichten – und heben sich die Sozialleistung dennoch für ihre Reisekasse auf.”

Das suggeriert, dass man bei einem Anspruch auf 1200 EUR Elterngeld bereits Besserverdiener ist. Dabei hat man in diesem Fall ein reguläres Nettogehalt von gerade einmal 1800 EUR – circa. Das ist zwar ein okayes Gehalt, keine Frage, aber weit entfernt von materiellem Überfluss. Und wenn in der zitierten Durchschnittsfamilie das Partnergehalt bei mickrigen 1000 EUR liegt (entspricht in etwa den 700 EUR Elterngeld), dann sollte Frau Lottritz jenen Familien vielleicht mal vorrechnen, wie sie ohne weiteres zwei Monatsgehälter überbrücken – und die Reise nicht zu vergessen.

Überhaupt ist die Argumentation – lösgelöst von den konkreten Beispielzahlen –  in sich unlogisch. Wer tatsächlich Besser- oder Großverdiener ist, so dass er zwei Monate problemlos aufs Gehalt verzichten kann, der bräuchte das Elterngeld theoretisch überhaupt nicht. Man könnte also eher fragen: Soll den Besserverdienern so viel oder soll ihnen überhaupt Elterngeld gezahlt werden? DAS wäre ein Argument, allerdings in eine vollkommen andere Richtung. Bis zu welchem Haushaltsnettoeinkommen Elterngeld gezahlt werden sollte bzw. wie es sich überhaupt für die verschiedenen Einkommensklassen und Lebenssituationen berechnet, ob schon für die ersten zwei Monate oder erst ab einer längeren Elternzeitphase, das sind in der Tat Ansatzpunkte, die man mal ernsthaft überprüfen und diskutieren müsste.

Die Autorin eröffnet in ihrem Artikel diese Paralleldiskussion, obwohl die Urlaubs- und die Gerechtigkeitsfrage in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Oder soll suggeriert werden, dass manche auf die Beantragung des Elterngeldes verzichten sollen? Denn das wäre dann die logische Konsequenz aus dem bereits oben zitierten Satz.

Ob die Elterngeldregelung gerecht ist, so wie sie ist, darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht. Doch das ist ist laut der Überschrift und der Eingangsthese ja auch gar nicht der Punkt. Das ist eine vollkommen andere Frage als die, ob man eine kurze Elternzeit zum Reisen nutzen darf. An dieser Frage hängt die Autorin aber die generelle Frage nach der Gerechtigkeit des Elterngeldgesetzes auf.

Behauptung: Würden Mütter kürzer und Väter länger Elternzeit nehmen, wäre das  gerechter und im Sinne aller Beteiligten.

Im Folgenden geht es eigentlich weder um den finanziellen Aspekt noch primär ums Reisen, sondern mehr um die Gleichberechtigung von Vater und Mutter und die Rolle des Mannes. Aber gut, wo wir schonmal dabei sind.

“Die Kritik trifft nur deshalb vorwiegend die Männer, weil sie nach wie vor einen geringeren Anteil bei der Betreuung der Kinder übernehmen. Die Einführung des Elterngeldes – auch dafür gedacht, dies zu ändern – dürfte diesen Zustand jedoch eher zementieren.”

Wieso das denn? Angenommen der Mann ist Hauptverdiener und sein Gehalt damit unverzichtbar, dann gibt ihm erst das Elterngeld die Möglichkeit für Erziehungsurlaub. Wenn sich dagegen der Lebensunterhalt aus zwei gleichen Gehältern zusammen, von denen auf keines verzichtetet werden kann, wie sollte dann überhaupt die Mutter über den Mutterschutz hinaus in Elternzeit bleiben? Hier ist das Elterngeld überlebenswichtig. (Wie hat das eigentlich VOR der Einführung des Elterngeld funktioniert?). In beiden Fällen erfüllt das Elterngeld jedenfalls exakt seinen Zweck.

“80 Prozent der Väter nehmen für die Kinderbetreuung nur zwei Monate frei […] Dem gegenüber bleiben 92 Prozent der Frauen zehn Monate und länger zu Hause und übernehmen damit immer noch den Großteil der Familienarbeit. Statt in ihrer kurzen Elternzeit zu Hause zu bleiben und ihre Partnerin beim Wiedereinstieg ins Berufsleben zu unterstützen, verbringen viele Väter die “Papa-Monate” lieber gleichzeitig mit der Mutter – um die gemeinsame Elternzeit für eine ausgedehnte Reise zu nutzen.”

Zuerst einmal frage ich mich, wo ein Vater eigentlich alleine entscheidet, wie er seine Elternzeit verbringt. “… verbringen viele Väter die “Papa-Monate” lieber gleichzeitig mit der Mutter …” klingt nämlich so, als hätte die Mutter kein Mitspracherecht. Es ist doch anzunehmen, dass es die gemeinsame Entscheidung des Paares ist (vielleicht auch der ganzen Familie, wenn schon ältere Kinder im Spiel sind), dass der Vater nur zwei Monate nimmt und das gleichzeitig mit der Mutter und dass diese Zeit zum Reisen genutzt wird.  Die Mutter wünscht sich das dann genauso.

“Wie wäre es damit: Jeder bleibt ein halbes Jahr zu Hause und kümmert sich um das Baby. … Und irgendwann nehmen sich beide noch die gemeinsame Zeit für eine längere Familienreise – als Belohnung für das anstrengende erste Jahr. Aber die bezahlen sie dann von ihren Ersparnissen – denn das Elterngeld hat eine andere Funktion.”

Zum Thema Funktion des Elterngelds ist oben schon alles gesagt worden. Zum Thema gleichere Elternzeitverteilung: Vielleicht wollen das ja viele Mütter überhaupt nicht? Viele wollen vielleicht überhaupt nicht so früh wie möglich wieder arbeiten gehen. Sie wollen ihr Baby gar nicht tagsüber in der Obhut des Mannes, der Oma oder der Kita geben, weil sie es genießen, eine lange Auszeit zu nehmen. Sie finden es schön, sich nur dem Kind widmen zu können und das Muttersein auszukosten. Zudem beträgt ja die minimal empfohlene Stillzeit schon 6 Monate. Viele Mütter wollen das sicher länger praktizieren. Abpumpen ginge zwar, aber wer Wert auf den Bindungsfaktor beim Stillen legt, für den ist das keine Option.

(Liebe mitlesende Mütter, bitte sagt mir, wenn ich hier Blödsinn schreibe. Ich habe ja keine repräsentative Umfrage durchgeführt – oder überhaupt eine – aber ausgehend von den Müttern, die ich kenne, komme ich zu dieser Annahme.)

Und zu guter Letzt kann es auch eine rein rechnerische Entscheidung sein: Wie sieht unsere Einkommensverteilung aus und können – oder wollen – wir uns eine hälftige Aufteilung der Elternzeit überhaupt leisten?

Fazit

Ich denke, dass die Annnahme unrealistisch ist, das Elterngeld würde ausreichen, um als Urlaubsgeld missbraucht zu werden. Zumindest nicht bei der Mehrheit der Familien. Aber nehmen wir einmal an, rein hypothetisch, bei jeder halbwegs besserverdienenden Familie würde das Elterngeld ausreichen, um damit ausgedehnt zu reisen. Wieso wäre das etwas Schlechtes? Immerhin ist ein Baby eine Zerreißprobe für jede Beziehung. Einige zerbrechen tatsächlich an der physischen und nervlichen Belastung. Eine Reise schafft Ablenkung und Glücksgefühle. Ein längerer Tapetenwechsel ist auch toll für Mütter, denen nach Monaten (tagsüber) alleine zuhause mit dem Baby die Decke auf den Kopf fällt und die es deprimiert, Woche für Woche zwischen Wickeltisch, Pekip-Kurs und Drogerie zu pendeln. Das Baby kommt mit spätestens einem dreiviertel Jahr in die Phase, wo es sich zuhause langweilt und schnell unleidlich wird. Es ist immer dann merklich ausgeglichener, wenn man mit ihm etwas unternimmt. Zum Beispiel Reisen!

Eine Reise könnte also eine fablehafte Idee sein. Nicht nur ein Luxus, sondern eine sehr zweckmäßige Maßnahme, die der Beziehung nützt, die Psyche rehabilitiert und für die Entwicklung des Kindes allemal. Hört sich das nach etwas an, was der Staat auf keinen Fall sponsern sollte?

Talkshow?

Ich würde mich sehr freuen, wenn sich unter diesem Artikel bald eine Menge andere Meinungen, Ergänzungen und gerne heftiger Widerspruch tummeln. Zustimmung, wenns sein muss, natürlich auch 😉 Noch mehr würde ich mich freuen, wenn sogar die Autorin des Zeitungsartikels, Kerstin Lottritz, mitdiskutieren würde. Und wenn sie es mir nicht übel nimmt, dass ich ihre These als “hanebüchen” bezeichnet habe.

PS: Aufmerksam wurde ich auf den Artikel übrigens dank der Jungs von daddylicious, die ihn auf Facebook verlinkten und zur Diskussion stellten.

1 Kommentar

  1. Dad

    27. März 2017 at 15:28

    Auf Facebook hat die Diskussion bereits begonnen und das freut mich! Ich verfrachte sie mal nach hier, als zentralem und vor allem beständigerem Ort.

    Stephanie schreibt auf FB:
    “Ich glaube, was die Autorin eigentlich ärgert ist, dass das Elterngeld nicht dafür gesorgt hat, dass mehr Männer länger zu hause bleiben. Ich gebe dir aber total recht damit, dass viele Mütter wirklich länger zu hause bleiben wollen (ging mir auch so). Es ist nur leider so, dass Frau dadurch meist berufstechnisch und verdiensttechnisch Einschnitte hinnehmen muss. Habe ich oft bei anderen miterlebt. Wie man diesen
    Konflikt vermeidet… das wüsste ich auch gern.”

    Susanne schreibt auf FB:
    “Ich habe auch die Vermutung, dass das das größte Ärgernis der Autorin ist: Dass Männer eben doch nicht auch mal ganz allein mit dem Kind zu Hause bleiben. Das lässt sich aber sowieso nicht über das Elterngeld regeln oder vorschreiben und dafür müssten u.a. Frauen auch einfach endlich mal dasselbe verdienen wie Männer. Ich kann insofern auch den Ärger der Eltern über den Beitrag verstehen.”

    Und ich so:
    Je länger ich mich mit dem Artikel beschäftigt habe, desto mehr schien es mir auch so, dass das Urlaubsthema eigentlich gar nicht ihr Hauptanliegen war. Dann hätte sie das Reise-Bashing aber auch weglassen können und nicht auch noch als Hauptaufhänger nehmen.

    Und dass Männer länger oder überhaupt Elternzeit nehmen, das kann man sicher nicht über einen einfachen Anreiz verordnen – seh ich genau so. Ich schätze das so ein, dass a) diejenigen Väter, bei denen überhaupt dier Wille da ist, es ohnehin tun, b) solange die Familie es sich irgendwie leisten kann.

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