Ich sags euch, Eltern sein ist mein härtester Job bisher. Woanders lernste einmal dein Handwerk und dann weißte mehr oder weniger wie es funktioniert. Aber so ein Kind hat regelmäßig etwas vollkommen Neues parat, was einen vor unbekannte Herausforderungen stellt. Jüngstes Beispiel: Ein Ausnahmezustand namens Lungenentzündung, verbunden mit acht Tagen Krankenhaus. Vier Nächte war Mum bei ihr, vier Nächte ich. Das Kind an Kabeln und Schläuchen, Körperfunktionen auf dem Monitor, Eltern auf dem beschissensten Gästebett aller Zeiten, Angst, Schlafmangel. Aber der Reihe nach.

Wie man eine normale Erkältung gemeinsam übersteht wussten wir ja schon. So eine hatte Mini vor drei Wochen mal wieder erwischt. Richtig auskuriert war die irgendwie nie, aber auch kaum noch da. Einige Tage später kam dann plötzlich die Bindehautentzündung in beiden Augen. Das war schonmal was Neues, aber nicht tragisch – auch wenn das Tropfen-in-die-Augen-Tropfen jedes Mal eine an Tragik und Weltschmerz nicht zu überbietende Szene war. Wenn sie nur gewusst hätte, was danach alles auf sie zukommt.

Begleitet wurde die Angelegenheit von einem Auf und Ab an leichtem bis mittlerem Fieber, leichter Mattigkeit und schlechtem Ess- und Trinkverhalten. Wir haben das darauf geschoben, dass sie wahrscheinlich Halsweh hat und keinen Bock zu schlucken – das kannten wir schon. Überhaupt ist man ja bei Krankheit gerne mal etwas apettitloser. Außerdem muss man sich ja nicht gleich die größten Sorgen machen. So ein Baby ist schließlich auch nur ein Mensch.

Die Augen waren innerhalb 24 Stunden wieder okay und wir dachten schon, sie hat jetzt alles mal wieder überstanden. Auch wenn das Fieber nicht ganz verschwinden wollte. Sie war an jenem Mittwoch Nachmittag noch so gut drauf, dass wir zuerst einmal nicht Böses vermuteten, als Richtung Spätnachmittag plötzlich alles schlechter wurde.

Sollen wir in die Notaufnahme?

Sie wurde matter, bekam hohes Fieber, atmete sehr schnell und hustete sich die Seele aus dem Leib. Während den Abendstunden überlegten wir hin und her, ob wir nun mit ihr in die Notaufnahme fahren sollen, oder ob das übertrieben ist. Wir gingen eher davon aus, dass es ein Rückfall in eine heftige Erkältungsgrippe ist und dass wir in der Notaufnahme stundenlang sitzen würden, weil all die Menschen mit appem Arm Priorität haben. Und dass wir am Ende nach Hause geschickt werden würden, weil ihr nichts Ernstes fehlt. Wir dachten, die komische Atmung kommt irgendwie vom hohen Fieber und der schlimme Husten ist halt ein schlimmer Husten.

Die Nacht hindurch hatten wir sie bei uns im Bett, um sie im Auge zu haben. Im Schlaf war nur der Husten etwas weniger, sie blieb aber ein erhitztes, schnaufendes Häufchen Elend. Am nächsten Morgen rief ich gleich um acht beim Kinderarzt an, bekam einen Termin am späten Vormittag und brachte die Stunden mit ihr noch irgendwie rum. Mum hatte ja wieder zu arbeiten begonnen. So badete ich Mini nochmal, weil ihr das Herumplantschen in der Wanne immer am meisten Spaß macht. Aber spätestens da machte ich mir ernsthafte Sorgen, denn es war endgültig sichtbar, dass mit unserem Mädchen ganz gründlich etwas nicht stimmte. Sie war total phlegmatisch und müde, patschte nur einmal kurz lustlos mit den Händen ins Wasser. Essen und Trinken wollte sie schon seit dem Vorabend so gut wie gar nicht mehr. Nur ab und an hat sie mal richtig die Wasserflasche angesetzt und ordentlich dran gezogen. Auch sonst war sie nicht in Spielstimmung, wollte eigentlich nur auf dem Arm sein und schlafen und ließ überhaupt alles einfach über sich ergehen. Ob man sie nun auf den Boden setzte, oder ob sie im Wartezimmer eine viertel Stunde auf dem Schoß sitzen musste. Für die gesunde Mini wäre dieser Akt des Stillhaltens undenkbar.

Ab ins Krankenhaus

Die Untersuchung ging dann sehr schnell: In Hals und Ohren ist es rot, die Lungen rasseln, Sauerstoffsättigung im Blut bereits deutlich zu niedrig, daher die komische Pumpatmung. Die eindeutige Diagnose: Lungenentzündung, ab ins Krankenhaus! Während ich Mini im Sprechzimmer wieder anzog und die Schwester die Krankenhauseinweisung klarmachte, musste ich ein paarmal schwer runterschlucken, um die contenance zu behalten. Da hatte ich nicht mit gerechnet. Vor allem hatte ich nicht damit gerechnet, dass es sich so schlimm anfühlt, wenn das Kind ins Krankenhaus muss. Ich hätte gedacht, das nimmt man zwar mit einem Zucken auf und bleibt ansonsten souverän. Aber das war jetzt doch ein Schlag in die Magengrube.

Hätten wir mal gestern Abend schon gehandelt. Wären wir mal lieber zu vorsichtig gewesen. Hätte, wäre, sollte … hinterher ist man immer schlauer. Nun hieß es ersteinmal nach Hause, auf dem Weg eine kurze Info-SMS an Mum, daheim das Notwendigste in die Krankenhaustasche stopfen, Taxi rufen, runter in die Tiefgarage und den Kindersitz aus dem Auto holen. Das alles natürlich mit Mini in der Manduca vorm Bauch. Mir lief vielleicht der Schweiß … Das Taxi war übrigens deshalb das Beförderungsmittel der Stunde, weil ich Mini nicht in ihrem Zustand für eine halbe Stunde Fahrt alleine auf die Rückbank verfrachten wollte. Blöderweise war uns das Altonaer Kinderkrankenhaus zugewiesen worden, was am anderen Ende der Stadt liegt.

Übrigens bezahlt die Krankenkasse die Taxifahrt, wenn der Arzt einen entsprechenden Vordruck ausstellt, der den Krankentransport anordnet. Den muss man zusammen mit der Taxiquittung bei der Krankenkasse einreichen.

Kaum saßen wir im Taxi rief dann auch schon Mum an. Vor diesem Telefongespräch hatte ich ja Angst, denn wenn es mich schon so schockt, wie geht es ihr dann erst. Wenn es um Mini geht herrscht bei uns stets die klassische emotionale Rollenverteilung: Mum hyperventiliert, Dad spielt Ruhepol. Was soll ich sagen, es gelang uns dann auch Beiden, unsere Rollen auszufüllen.

Der kleine Astronaut aus Zimmer 10

Mum ließ im Büro natürlich alles stehen und liegen und war bereits bei uns im Krankenhaus als wir gerade von der Notaufnahme ins Untersuchungszimmer vorgerückt waren. Aus diesem ist Mum dann aber bald schon wieder geflüchtet, als die Ärztin sich nämlich daran machte, Mini einen Zugang zu legen. Also eine Kanüle in sie reinzustechen, an die der Tropf angeschlossen werden kann. Was für eine Prozedur.

Baby im krankenhaus

Erschöpft und verkabelt.

An den Handgelenken, so wie es bei Erwachsenen gemacht wird, geht es bei Säuglingen nicht, weil die da zu viel Babyspeck haben. Die Fußgelenke sind eventuell eine Option, aber der Königsweg ins Kind führt wohl durch den Kopf. Bei Säuglingen bohrt man also Kopfvenen an und genau das hat die Ärztin versucht. Erster Versuch gescheitert, weil Vene zu zart und direkt geplatzt. Zweiter Versuch, gleiches Resultat. Ich bin dabei geblieben, weil Mini dabei nicht ohne ein bekanntes Gesicht sein sollte. Ich habe geholfen, sie festzuhalten, während beruhigen oder ablenken vollkommen aussichtslos war. Sie haben es dann noch an beiden Beinen im Bereich der Fessel versucht, aber auch da hat es nicht funktioniert. Mini war also mittlerweile viermal angepiekst worden, nur am Brüllen und doch noch nicht erlöst. Die Ärztin – eine ziemlich junge und vermutlich noch nicht sehr erfahrene – hat aufgegeben und einem Kollegen das Feld überlassen. Der hat es dann nochmals am Kopf versucht, direkt bei der Fontanelle. Mit Erfolg. Endlich!

Nachdem der Zugang am Kopf fixiert war, hatte Mini eine Mütze aus weißem Netzstoff übergestülpt bekommen, die ihren Kopfstecker schützte. Kurz darauf befanden wir uns in ihrem neuen Zuhause auf Zeit, in Zimmer 10 auf der Säuglingsstation. Hier wurde sie am Tropf angestöpselt, sie bekam eine Atembrille für künstliche Sauerstoffversorgung, es wurden vier Elektroden an ihren Oberkörper geklebt zwecks Messung von Herzschlag & Co., und an ihrem großen Zeh wurde ein rot leuchtender Sensor fixiert, der die Sauerstoffsättigung maß. Trotz aller Ernsthaftigkeit der Situation war es auch ein lustiger Anblick. Sie sah aus wie ein kleiner Astronaut. Oder schlupp vom grünen Stern.

Babyfuß mit Sauerstoffsättigungsmesser

Was bei E.T. der Finger ist bei Mini der Zeh. So wird die Sauerstoffsättigung im Blut gemessen. Ohne Pieks, nur mit Sensor auf der Haut.

Kabelsalat

Wer schon Erfahrung mit Säuglings-Handling gemacht hat, der weiß, wie schwierig und umständlich das Wickeln, das Umziehen, das zu-Bett-bringen ganz ohne Kabel schon sein kann. Jetzt stelle man sich ein Baby vor, an dem mehr Kabel hängen als an so manchem Server. Die Dinger sind permanent im Weg, verdrehen und verheddern sich untereinander sowie mit Gegenständen der näheren Umgebung. Natürlich muss man da als Baby auch so viel wie möglich dran ziehen. Die ersten paar Tage waren nicht nur wegen der Sorge um Mini’s Gesundheit extrem nervenaufreibend, sondern auch weil alles, einfach alles dort stressig war. Man war permanent am Schwitzen weil draußen Sommer und drinnen folglich Sauna war. Andauernd kam jemand ins Zimmer, tags wie nachts. Essen und Babyfüttern auf dem Zimmer war stets pure Improvisationsarbeit und führte unweigerlich zur Sauerei. Mini konnte sich auch überhaupt nicht an die Atembrille in ihren Nasenlöchern gewöhnen. Sie hat sie sich ständig mit den Händen wegreißen wollen, geheult, das wieder Reinfummeln war extrem schwierig, also mehr Geheule. Alle vier Stunden musste für ca. 10 Minuten inhaliert werden. Mal unter Protest, mal mit Resignation. Zwei oder dreimal täglich wurde der tropf abgestöpselt, eine Spülung des Zugangs mit Kochsalzlösung aus der Spritze durchgeführt und dann eine Medikamenteninfusion aus Antibiotikum und Cortison angestöpselt. Danach das Ganze wieder rückwärts. Muss ich’s erwähnen? Eine Menge Geheule!

Essen im Krankenhaus

Die Krankenhausverpflegung war gar nicht so übel wie zu befürchten war. Und die nette Dame hat mir immer “Papaportionen” gemacht.

Nach ein paar Tagen wurden immerhin die Körperelektroden entfernt und auch die künstliche Ernährung vom Tropf eingestellt, da sie wieder halbwegs normal aß und trank. Das Fieber war verschwunden, die Lungen klangen wohl jeden Tag besser, nur wollten sie einfach nicht richtig arbeiten. Die Sauerstoffzufuhr konnte zwar schon reduziert werden, aber es reichte noch lange nicht. Wie ich diesen dämlichen Monitor mit dieser scheiß Zahl nicht mehr sehen konnte, die immer zwischen 87% Sättigung und 95 pendelte. Das Ziel war, dass Mini eine ganze Nacht – weil die Sättigung im Schlaf immer am niedrigsten ist – ohne Sauerstoff und ohne Cortison mit einem Wert deutlich im Neunzigerbereich durchhält. (Cortison bekam sie, weil es den Lungenbläschen hilft, sich zu weiten. Oder so ähnlich.) Tagsüber im wachen Zustand klappte das an Tag sechs sogar schon für einige Stunden. Die Nacht war dann wieder ernüchternd. Tag sieben überstand sie dann sogar komplett ohne Sauerstoff, und auch ihr Astronautenhelm und der Kopfzugang waren entfernt worden. Auch die Atembrille durfte tagsüber weg. Das machte Mut, denn jetzt sah sie wieder aus wie unser Kind, wenn auch etwas schmaler im Gesicht. Schön anzusehen war auch, dass sie wieder aktiv und gutgelaunt war. Die alte Randalia kam wieder in ihr durch. Wir durften auch schon kurz mit ihr Spazierengehen.

Handschuh Rock'n'Roll zeichen

Und tschüss!

Zu Beginn der Nacht Nummer acht wurde die Atembrille dann vorsorglich wieder drangeklebt. Zu diesem Zeitpunkt rechnete ich noch nicht wirklich damit, dass es die letzte Nacht dort sein würde. Aber dann, einige Zeit nachdem Mini ins Träumeland abgedriftet war, begann die verhasste Zahl auf dem doofen Monitor mir plötzlich gute Laune zu machen – denn sie blieb stabil über 90%, kletterte im Laufe der Nacht sogar immer weiter und am Morgen konnte Mini auf einen Sättigungsdurchschnitt von 95% zurückblicken. Bäm! Nimm dies, fiese Lungenentzündung!

Monitor im Krankenhaus

Dieses Ding konnte einen echt wahnsinnig machen. Man hing mit den Augen an dieser Zahl, die andauernd auf und ab ging …

So war nun endlich auch der Leuchtezeh passé, als das letzte Kabel entfernt wurde. Der Doc gab Mini auf allen Ebenen grünes Licht für den Heimweg. Es fühlte sich schon fast wie das Ende einer Ära an. Klingt jetzt leicht übertrieben, aber diese eine Woche im krankenhaus war so intensiv, dass man sich schon total dran gewöhnt hatte. An die nette Frau mit dem Essenswagen, an die netten Schwestern, den netten Arzt, die nette Putzfrau. Ja, das muss abschließend mal ausdrücklich gesagt werden: Auf der Säuglingsstation des Altonaer Kinderkrankehnhauses waren wirklich ausnahmslos alle verdammt nett zu uns. Die Servicekräfte machten nicht den Eindruck als hassen sie ihren Job, haben alle immer mit Mini geschäkert. Die Schwestern waren wirklich hilfsbereit und engagiert, egal was man wollte, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Sie waren nie in Hektik, man hatte nie das Gefühl, Patient Nummer 0-8-15 zu sein. Gleiches gilt auch für den Stationsarzt. Der hat Mini jeden Tag begrüßt mit “Wie gehts meiner kleinen Astronautin?”, hatte Zeit um Fragen zu beantworten und Dinge zu erklären – zumindest auf Nachfrage. Falls das einer der Angesprochenen lesen, sollte: Danke nochmal and ie gesamte Truppe! Ihr habt alle dazu beigetragen uns diese Woche ein wenig erträglicher zu machen. Trotzdem hoffe ich inständig, dass wir uns nie wiedersehen.