Momentaufnahme: An manchen Tagen wünsche ich, ich wär mein Hund

Wir haben keinen Hund, aber falls Liedermacherfans unter meinen Lesern sind, werden diese jetzt wissend nicken. Für die ganz jungen Eltern unter euch: „Liedermacher“ ist der Oldschool-Begriff für Singer-Songwriter und bezeichnet deutsche Singer-Songwriter der Nachkriegsgeneration. Reinhard Mey ist einer der Bekanntesten dieses Genres und meine Mum, also Mini’s Oma väterlicherseits, ist ein großer Fan von ihm. Daher kenne ich einige seiner Lieder und der Mann kann nunmal auf eine perfekte Art und Weise den alltäglichen Wahnsinn des Lebens in Liedzeilen destillieren, wie nicht viele andere. „An manchen Tagen wünsche ich, ich wär mein Hund“ ist ein Lied über Tage, die einfach von Anfang an im Arsch sind. Mey drückt es subtiler aus, aber auf subtil ist heute geschissen. Wer jetzt nach diesen letzten zwei Sätzen denkt „Der flucht aber viel“, der hätte unsere kleine Irrenanstalt hier mal durch den Tag begleiten sollen. Da war auch nichts subtil. Außer dem Glücksgefühl vielleicht. Zwar sind wir natürlich selbst an Tagen wie dem heutigen glücklich, eine Familie zu sein. Ich bin glücklich, meine Frau meine Frau nennen zu dürfen, ich bin glücklich, Mini meine Tochter nennen zu dürfen und ich bin mir sicher, es geht den beiden umgekehrt sowie gegenseitig genauso.

Murphys Law

Kennt ihr das, wenn einfach alles, aber auch A-L-L-E-S schiefgeht und nervt? Das Kind beginnt den Tag mit nicht-frühstücken. Ein „Hotbutton“ für Mum und mich, denn Minis Essverhalten ist seit ihrer Geburt ein problematisches. Zwischendurch isst sie mal kurz super, aber meistens ist es ein frustrierender Kampf. Die Tage ist es gerade wieder besonders schlimm. Wir beginnen also ein entspanntes Samstagsfrühstück – nur Mini nicht. Sie spielt mit dem Essen, dem Besteck, isst keinen Bissen, verweigert sich allen unseren mehr oder weniger gewitzten Versuchen, ihr das Mampfen schmackhaft zu machen. Diese Sperenzerchen dominieren das Frühstück, Mum und ich sind genervt, reden nicht viel.

Zum Mittag das gleiche Spiel. Das Kind MUSS doch Hunger haben mittlerweile. Und zwar richtig! Aber nein. Wir nehmen ihr Essen mit, als wir danach zu einem kleinen Shoppingausflug aufbrechen. Alleine der Aufbruch … Mini lässt sich natürlich nicht brav anziehen, es dauert irgendwie ewig, bis wir endlich abmarschbereit sind, ich kann es kaum erwarten, endlich zur Tür hinaus zu gehen, um einfach mal „aus der Situation genommen“ zu werden, wie man das wohl beim Kind nennen würde. Irgendwie fällt heute zudem überdurchschnittlich viel um und runter, fehlt, geht nicht, nervt. Mehr als sonst scheint heute jeder Handgriff schief zu gehen. Mum und ich reden nach wie vor nicht viel, und wenn, dann nicht sehr verbindlich. Nichts hasse ich mehr, als diese Situation. Ich bin nunmal harmoniebedürftig.

Wie gern wäre ich jetzt mein imaginärer Hund, oder einfach Mini. Die weiß gar nicht, wie gut sie es hat. Hunde wissen ihr komfortables Leben meistens mehr zu schätzen als Kleinkinder. Die sind by default Wutbürger.

Aktivitäten-Therapie

Der Innenstadt-Trip nimmt ein bisschen Druck raus. Wir machen Zwischenhalt in der Bibliothek, wo ich mir seit meiner Jugend zum ersten Mal wieder einen Bibliotheksausweis hole. Oldschool-Dad! Mini darf gleich mal die Kinderbücherabteilung plündern, was sie mit Vergnügen tut. Mum und Dad plündern anschließend die Unterwäsche- und die Kinderabteilung des C&A. Ohne Zwischenfälle. Yay! Trotz gar nicht so schlechter allgemeiner Laune tropft die gedrückte Stimmung irgendwo an der hinteren Wand dieses Samstags langsam runter und verbreitet einen allgegenwärtigen Muff, der einem ständig in der Nase hängt.

Wir versuchen einen zweiten Mittagessensversuch mit dem Kind, während wir die lange U-Bahn-Heimreise absitzen. Bahnfahren liebt sie, von daher eigentlich gute Voraussetzungen für etwas Nahrungsaufnahme. Denkste. Bevor auch nur ein Bissen in Minis Mund gelandet ist, ist zuerst einmal meine Hand mit Kartoffel, Karotte und Erbse eingeschmiert. Jeder Fütterungsversuch wird mit Minis unnachahmlicher Kombination aus Ekelgesicht und einem unfassbar nervigen „Neeeeiiinnnn“ abgewehrt. Resignation.

Samstagsdrama in drei Akten, letzter Aufzug

Sind die kommenden Eckzähnchen der Grund? Ist das Kauen des Essens das Problem? Mal mit Püriertem versuchen. Ablehnung. Testweise gereichte Knuspernaschereien werden dankbar angenommen. Grummel. Also kein Zähnchenproblem. Li-La-Laune-Problem? Vielleicht. Wenn nicht noch diverse Situationen danach eskaliert wären, wäre es vielleicht nicht soweit gekommen, aber mein Geduldsfaden reißt plötzlich, ich muss raus. Ich verkünde, joggen zu gehen, knalle die Tür hinter mir zu und laufe eine halbe Stunde. Unterwegs springt mich ein freundlicher neugieriger Labradorwelpe an. Na wenigstens ein Jungtier, dass mich mag. Was Blödsinn ist, denn Mini wollte ja auch mit mir spielen. Es war nur meine Stimmung, die im Arsch war. (Entschuldigung, aber subtil wirds erst morgen wieder.)

Während der Rennerei durchs Grün tat mir mein Abgang dann auch enorm leid. Aber auch Dads sind nur Menschen und an manchen Tagen kann man Nervkram einfach schlechter ab als an anderen.

Der Rest des Tages brachte keine Veränderungen. Das Abendessen war die stringente Fortführung des Vorangegangenen. Den Abend verbrachten Mum und ich gemeinsam im Wohnzimmer, aber in unterschiedlichen Ecken des Raumes. Nun ist seit 45 Minuten Sonntag, und der kann nur besser werden als sein Vorgängertag. Er MUSS besser werden.

3 Kommentare

  1. Deine Ehrlichkeit macht Deinem Blog aus. Einerseits flößt mir all das noch mehr Respekt vorm Kinderkriegen ein. Andererseits geht es doch darum, mit schlechten und anstrengenden Tagen umzugehen. Nützt ja nichts zu leugnen, dass es solche Tage in Hülle und Fülle gibt. Und am Ende bin ich sicher: Du und Mum, Ihr macht das super.

    • Dad

      25. März 2018 at 19:49

      Also in einem Punkt kann ich dich beruhigen: Eine Fülle solcher Tage gibts keinesfalls, das war einer der zum Glück ganz wenigen. Ich muss als nächstes auch mal wieder über Schönes schreiben, sonst verzerrt das die Realität, sagt Mum, und da hat sie recht.

      • Ich sehe Deine Antwort jetzt erst (und kaufe ein „n“ für meinen ersten Kommentar). Hmmmm, okay. Umso besser! Den Eindruck, dass es sehr viele, sehr anstrengende Tage gibt, hab ich aber durchaus auch anderswo gewonnen. Umso schöner, wenn das bei Euch doch nicht so ist.

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