Rückblick auf zwei Monate Elternzeit

Vater und Tochter am Meer

Karate-Küken übt den “Kranich-Style” und macht seinen Meister stolz.

Ich habe das ganz schön gefeiert, als die imaginäre Kirchturmuhr an meinem letzten Arbeitstag vor der Elternzeit 18 Uhr geschlagen hat. Die Aussicht auf volle zwei Monate Urlaub macht schon Laune. Ich nenne es hier absichtlich “Urlaub”, denn arbeitsfreie Zeit, die man mit der Familie verbringt, ist auf jeden Fall eine Art von Urlaub. Wenn auch nicht unbedingt die Art, wo man lange schläft und Müßiggang betreibt und sich körperlich grunderholt. Zudem waren wir zwei Wochen tatsächlich in Urlaub. Für den gilt allerdings auch das aus dem Satz davor. So eine Elternzeit kann harte Arbeit sein, egal wo man sich aufhält. Aber eben schöne harte Arbeit. Der Fairness halber sei noch erwähnt, dass ich nicht zwei Monate lang mit Mini auf mich allein gestellt war, denn für sechs Wochen haben sich unsere Elternzeiten überschnitten.

Reisezeit

Während den ersten Wochen waren wir permanent im Dreierpack unterwegs, nur eben nicht zuhause. Wir starteten in die gemeinsame Elternzeit mit etwas gemeinsamer Zeit bei meinen Eltern. (Danke. Danke. Der fiel mir spontan ein.) Die lange Zugfahrt dorthin war eine ganz gute Aufwärmübung für die darauffolgende Irland-Reise. Wir lernten zum Beispiel, dass es saudoof ist, die Wickeltasche am Reiseziel zu vergessen und die Rückreise ohne Wickelzeug, Trinkfläschchen, Essensgläschen und überhaupt alles Überlebenswichtige zu anzutreten. Wir lernten aber auch, dass man durch hilfsbereite andere Eltern und mit ein wenig Improvisation auch solche Fails ausgleichen kann. Außerdem erfuhren wir zum wiederholten Male, dass Mini am entspanntesten ist, wenn es viel Neues zu entdecken gibt und eine Menge los ist – und wenn sie permanent unser beider ungeteilte Aufmerksamkeit genießt. Leider wurde das Wochenende bei Oma und Opa mehr zur buchstäblichen Elternzeit, als den beiden lieb war. Mini fremdelte nämlich so arg mit ihnen, dass Oma-Opa-Baby-Zeit nur in unserer Anwesenheit möglich war. Erst an Tag drei besserte sich das.

Nach einem Puffertag zuhause ging es dann direkt weiter nach Irland, in den ersten richtigen Familienurlaub. Diese Reise habe ich bereits ausgiebig beschrieben. Deshalb machen wir hier einen Zeitsprung und landen direkt wieder auf dem Hamburger Flughafen, wo nach neun fantastischen Tagen auf der grünsten aller Inseln dann so etwas wie “die echte” Elternzeit für mich begann.

Papazeit

Auch wenn, wie bereits erwähnt, meine Frau noch ein paar weitere Wochen frei hatte, bevor der Wiedereinstieg in den Job anstand, sollte sie nicht ständig involviert sein (was ihr weniger leicht viel, als Mann dachte). Meine Elternzeit sollte für sie bedeuten, endlich mal wieder viel Zeit für sich zu haben, während ich alleine Sachen mit Mini unternehme. Auch, endlich mal wieder regelmäßig duchzuschlafen, weil ich noch mehr Nachtschichten übernehmen kann. Habe ich vorher zwar auch schon getan, aber nun eben auch die anstrengenden, die sonst meist an ihr hängengeblieben waren, wenn ich am nächsten Tag arbeiten musste.
Vate schiebt Baby im Wald
Wir haben ganze Dad-und-Mini-Tage und -Nachmittage veranstaltet. Unterwegs sein war nämlich nicht nur der Unterhaltung halber toll, es war auch wichtig für Mum’s Ruhefaktor. Solange Mini anwesend ist – und sei es in einem anderen Zimmer – ist es für Mum nicht wirklich möglich gewesen, sich gedanklich komplett rauszuhalten. Die unterbewussten Antennen einer Mutter sind solange scharfgestellt, wie das Kind in Hörweite ist. Abschalten und sich wirklich mal der eigenen Sache widmen geht daher für die Mums dieser Welt nur, wenn das Kind sich außerhalb ihres Wahrnehmungs- und Aktionsradius befindet. Das ist nun keine neue Erkenntnis von mir, aber wir haben dieses bekannte Phänomen eben ausgeprägt erlebt.

Für einen Vater, der mit dem Kind bis dahin noch kaum auf sich ganz alleine gestellt war, kann ein langer Papa-Kind-Tag verunsichernd sein. Man hat Angst, irgendwann nicht mehr zu wissen, was man dem Kind noch bieten kann, obwohl es erst 15 Uhr ist. Man muss so viele Situationen bewältigen und an so vieles denken, worin man nicht ansatzweise so routiniert ist, wie die Mutter. Was muss alles in die Wickeltasche? Wo wickele ich unterwegs überhaupt? Wie klappt das Füttern in freier Wildbahn? Werden die Leute gucken, weil ich mich unbeholfen anstelle? Was tue ich, wenn sie mal schreit und sich bei mir nicht beruhigt, weil manchmal eben alle doof sind außer Mami? So zum Beispiel vor unserem ersten großen ohne-Mami-Tag, in der ersten Woche nach dem Urlaub, als ich hochmotiviert und voll im Dad-Modus, einen langen Ausflug mit Mini an den Elbstrand geplant hatte. Da ging mir diese Serie von Bedenkengedanken durch den Kopf. Bis dahin hatte ich mich immer deutlich sicherer gefühlt, wenn Mum dabei war. Ohne sie war das immer so ein bisschen, wie als Praktikant mit dem Kunden alleine in einem Raum zu sein.

Action-Zeit

Also ab durch die Feuertaufe. Bis wir zwei überhaupt die Morgenroutine geschafft hatten und von zuhause weggekommen waren, war der Vormittag halb rum. Da wir am nördlichen Ende Hamburgs wohnen, dauert alleine die Reise mit dem ÖPNV zur Waterkant schon so lange wie eine Autofahrt an den nächstgelegenen Ostseestrand, so dass wir dann gegen Mittag endlich mit den Füßen im Sand standen. Mini war begeistert. Sie krabbelte durch den Sand, aß ihn auch, wenn ich nicht pfeilschnell dazwischenging, zeigte auf vorbeifahrende Schiffe und vorbeigaloppierende Hunde. Das Mittagessen schmeckte als Strandpicknick doppelt so gut wie sonst und wickeln am Strand ist auch kein Problem, wenn man sich beeilt. Der Sand findet seinen Weg nämlich selbstständig überall hin, weshalb der Babypöker schnell wieder verpackt sein muss. Irgendwann kam dann auch die Müdigkeit. Zeit also für ein ausgiebiges Nickerchen im Buggy, den Dad vom Elbstrand zu den Landungsbrücken schob. Mehr als eine halbe Stunde später dort angekommen kriegte Mini nichts mit von meiner Erkenntnis, dass ausgerechnet eine der höchstfrequentierten, touristischsten ÖPNV-Station der ganzen Stadt nicht barrierefrei ist, also keinen Fahrstuhl hat. Mini schlief also weiterhin ihren Schlaf der Gerechten, während ich bergauf in Richtung der ca. 15 Fußminuten entfernten Haltestelle St. Pauli stapfte. Es war weit fortgeschrittener Nachmittag, als wir den Buggy wieder im Treppenhaus parkten.

Mit einigermaßen schweren Beinen, aber glücklich, stellte ich fest: Alle Bedenken vom Anfang hatten sich nach und nach als überflüssig erwiesen. So ein Tag geht ziemlich schnell rum und alles ist machbar, auch für einen noch nicht so versierten Vater. Mum freute sich sehr, dass ihre beiden “Hasen” (Zitat) wieder zuhause waren und für die nächste Stunde war Mami-Mini-Zeit. Dann Dinner, Bettroutine, nachtinacht. Geschafft. Superdaaaaad! Sagte auch Mum, obwohl ich ja eigentlich nichts Außergewöhnliches zustande gebracht hatte. Trotzdem ist man ein bisschen stolz, wenn man es sich und der Welt bewiesen hat. Feuertaufe bestanden.

Mehr Action, mehr Papa, mehr Routine

Vater und Kind auf dem SpielplatzSo wächst man an Herausforderungen und erkennt seine Grenzen. Ich bekam es zwar bald hin, an 95% der Dinge zu denken, die beim Verlassen des Hauses mitmüssen, aber Mum nervte es auf Dauer, dass sie stets wegen der letzten 5% mitdenken musste. Vor allem, wenn es sich dabei um so Elementares wie Mütze und Trinkflasche handelt. Zudem habe ich nicht das gleiche Talent wie sie, Mini auch an verregneten Tagen in der Wohnung einigermaßen bei Laune zu halten. Zum Glück gab es davon kaum welche, denn der Hamburger Sommer 2017 fiel zu 80% in meine Elternzeit. Entsprechend viel waren wir draußen. Ich machte all jene Dinge, die sie sonst mit Mum zusammen gemacht hat: Spazieren gehen, tägliche Einkäufe, Spielplatz. Überall zwischen Sandkasten und Kassenschlange kam es dann vor, dass Mini von anderen Müttern erkannt wurde. Aus dem Eltern-Kind-Zentrum, dem Musikkreis und vom Spielplatz hatten meine beiden Mädels anscheinend schon ein richtiges Netzwerk aufgebebaut. “Ach ihr kennt euch. Ja, ich bin der Vater. Genau, Elternzeit gerade.” *verbindlich grins*

Nach wenigen Wochen begann dann die Eingewöhnung in der Kita, leider unterbrochen von einer Woche im Krankenhaus. Es war also während den gesamten zwei Monaten immer wieder etwas Neues los, so dass sich kaum eine echte Routine einschleifen konnte. Aus dieser Perspektive kann ich sagen: Ich hätte mich dran gewöhnen können. Hausmann und Vater ist gar kein so schlechter Job. Zwar etwas schlechter bezahlt als der Eigentliche, und die kleine Chefin verlangt einem sogar noch mehr ab, aber es macht viel Spaß und man genießt eine Menge Freiheiten. Aber meine Elternzeit lässt sich eben kein Stück mit der meiner Frau vergleichen. (Hier schildert sie, wie sie ihr Elternzeit-Jahr erlebt hat) Die teilweise endlos langen, ereignislosen Alltagsphasen über den Winter, mit einer Mini, die noch nicht wirklich spielte oder viel interagierte, das forderte eine ganz andere Leistung und Nervenstärke. Ich bezweifle stark, dass ich DAS hinbekommen hätte.

Ich merkte jedoch nach dieser recht kurzen Elternzeit schon, während der Mum ja doch recht präsent gewesen war, wie die Bindung zum Töchterchen stärker geworden war. Nach der Elternzeit hatte ich das Gefühl, dass sie sich viel mehr an mich gebunden hat, sich bei mir geborgener fühlt, dass ich einfach in jeder Hinsicht ein stückweit “Mami-Qualtäten” für sie entwickelt habe. Oder sie sich ein wenig mehr zum Papa-Kind hin – wie man es nimmt. Vom Frühstücksdirektor zum Team-Kollegen sozusagen.

Mehr Weisheiten

Zum Abschluss hat der Papa noch einen tollen Praxistipp für alle, die ihre Elternzeiten ähnlich wie wir aufteilen: Kümmert euch nicht ständig zu zweit ums Kind. Mama hat natürlich dank ihres langen langen Elternzeitvorsprungs für jede Lebenslage das optimale Vorgehen entwickelt und jeden Handgriff perfektioniert. Der Vater lässt sich alles erklären, schreibt sich ein paar Dinge zum Merken auf und kriegt es tatsächlich hin, das Kind nicht verhungern oder verwahrlosen zu lassen. Er macht nur manches anders als die Mutter, nicht alles so souverän, manchmal umständlicher, machmal gar nicht schlechter, sonder nur auf seine Art. Mütter, lasst die Väter ihr Ding machen, zwingt euch dazu, die Verantwortung abzugeben, auch wenn es sehr schwer fällt. Die ersten zwei Mal Essen zubereiten und Füttern könnt ihr ja gemeinsam machen. Ein bisschen “Coaching” macht schon Sinn, aber greift nicht ständig einfach “ergänzend” oder “vorbereitend” ein. Auch dann nicht, wenn die Familie gemeinsam isst. Es nervt nämlich ganz ganz doll, wenn Mann das Baby füttert und ständig die danebensitzende Frau dem Kind das Wasserfläschchen verabreicht, sobald Mann das seit ca. zweieinhalb Minuten nicht mehr getan hat. Ihr meint das gar nicht bevormundend, das ist schon klar. Es kommt aber so an. Umgekehrt gilt das natürlich ebenso, also mal allgemein formuliert: Wenn ein Elternteil sich gerade kümmert, dann will er/sie das auch alleine machen, weil man es schließlich alleine KANN, und weil ein erfolgreich versorgtes, glückliches Kind ein kleines Erfolgserlebnis ist – das ein bisschen stolz macht. Das Fütterbeispiel ist nur ein exemplarisches. Genauso wenig muss der Andere nochmal rundum die Details perfektionieren, nachdem der Eine das Kind perfekt angezogen und im Wägelchen fixiert hat. Lasst euch gegenseitig einfach machen und gebt euch nur Hinweise oder Hilfestellung, wenn entweder Kind oder Elternteil – oder beiden – wirklich etwas entgehen würde. Nehmt aber umgekehrt auch Hilfe und Ratschläge an. Das fällt genauso schwer, wie das Loslassen. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich nicht mehr zickig auf “Verbesserungsvorschläge” reagiert habe. Im Gegenzug hat Mum aber auch die Finger vom Wasserfläschchen gelassen.

3 Kommentare

  1. Sehr genau beschrieben … 90 % Wiedererkennungswert. Beim 2. Kind sind die Mütter dann entspannter…. Ich habe bei meiner Großen ungern die “Kontrolle abgegeben. Bei meinem Kleinen jetzt genieße ich jede freie Minute die ich habe. Selbst wenn ich in seiner Nähe bin und er weint, wenn er bei Papa ist kann ich das gut “überhören”. Und manchmal macht der Papa das sogar besser als die Mama (aber das werde ich ihm wohl kaum sagen).

    Die 5 % des Vergessens bleiben allerdings. Ich lege immer alles hin was Luke braucht, wenn ich morgens nicht da bin. So unwesentliche Dinge wie Zähne putzen, kann man auch mal vergessen. Und wenn er ihn zufällig aus der Kita holt, bleibt der Helm des Kindes auch mal hängen. Mama braucht ihn ja nur am nächsten Morgen, wenn sie das Kind weg bringen muss….

    Aber letztendlich machen wir Mütter es nicht besser sondern tatsächlich nur anders!

  2. Herrlicher Wiedererkennungsfaktor an vielen Stellen! 😀 Die vergessenen 5 %, die Mami immer nerven. Das kenne ich nur zu gut. Auch die Beschreibung des ersten Ausflugs “allein” weckt viele Erinnerung, als ich mir unserem Zwerg die ersten Male allein war. Auch wenn Mami nur für 1,5 Stunden weg und wir beiden Männer zu Hause waren, war das schon ein ziemlicher Nervenkitzel. 😀

    Und ja, es ist schon ein feines Gefühl, wenn man Dinge ganz ohne Mami hinbekommt. Zum Beispiel heute Morgen hat Mutti noch etwas länger geschlafen. In der Zwischenzeit waren der Kleine und ich bei der Bank, am Finanzamt, einkaufen, haben gefrühstückt, Zähne geputzt, noch mal gewickelt und dann endlich wieder zur Mami stillen. Schon geil, wenn man ihr das dann so aufzählen kann. 😉

    LG Bernhard

    • Dad

      20. September 2017 at 22:19

      Ja genau, das Aufzählen, was man alles geschafft hat und sich Lob dafür abholen. Das ist wichtig 🙂 Auch wenn das Lob mit leichtem Zynismus ausgesprochen wird. Finden wir trotzdem gut.

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