Meine Frau fängt morgens sehr früh an zu arbeiten. Deshalb habe ich die Ehre der Morgenroutine: Dafür sorgen, dass das Murkelchen tagesfein gemacht wird, isst und wohlbehalten, sowie halbwegs pünktlich im Gruppenraum der Kita landet. Erschwerend kommt noch hinzu, dass ich auch mich selbst waschen, füttern (fällt oft flach), anziehen und (halbwegs pünktlich) in den Erwachsenenhort bringen muss. Nun gibt es sicher zwei Gruppen Menschen, die das für überhaupt kein Problem halten: Die Kinderlosen sowie die widerlich gut Organisierten.

Bevor die Kindergartenzeit anbrach, dachte ich auch, dass es alles nur eine Frage von eingespielter Routine und rechtzeitigem Aufstehen ist. Das war Theorie-Dad, der so dachte. Praxis-Dad hat zwei Erkenntnisse gewonnen:

  • DIE eine, immergleiche Routine gibt es nicht. Öfter mal was Neues, denkt sich das Kind und kackt zum Beispiel am einen Morgen zwei frische Windeln voll, am nächsten Morgen kackt es gar nicht. Das macht schon 10 Min. aus.
  • Die Zeit hat Löcher und Laufmaschen und verläuft definitv nicht linear. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich am einen Morgen pünktlich aufstehe und es trotzdem nur schweißgebadet und fluchend schaffe, auf den letzten Drücker mit Kind auf dem Arm die Wohnung zu verlassen, während ich am nächsten Morgen eine halbe Stunde zu spät aufstehe und zur exakt gleichen Zeit loskomme? Hm?
  • Lunchbox

    Das einzige Organisierte am Morgen: Die Kita-Lunchbox, von Mum mit Liebe vorbereitet.

    Chronik einer durchschnittlichen Morgenroutine

    06:45 – Durchschnittlich pünktliches Aufstehen. Halb sieben wäre ideal, aber mein Krafttier ist schließlich das Murmeltier – und sogar Mini hat neben mir auch noch so seelig geschlummert. Jetzt hampelt sie ohne Rücksicht auf Verluste im Bett rum und ich muss zu ihrem und meinem eigenen Schutz mit ihr aufstehen. Mum ist bereits seit einer halben Stunde aus dem Haus.

    Kaffee für mich, kurzes Zwischenparken im Gitterbettchen für Mini, weil Papa kurz Toilette. Meistens sorgt das fürs erste Geheul des Morgens, weil Mini absetzen eine solche Grausamkeit ist, dass es in 205 Ländern der Welt geächtet wird. Dann bekommt Prinzessböhnchen eine kleine Waschung … ach nee halt, jetzt piept der scheiß Wecker da drüben im Schlafzimmer. Hatte nur auf Snooze gedrückt. Also den Nackfrosch unter den Arm geklemmt (kann ja schlecht auf dem Wickeltisch liegen bleiben), rüberlaufen, Wecker aus, weitermachen: … eine frische Windel und bereits die untere Schicht des Tages-Outfits an den Körper. Das Essen steht ja noch bevor, da wäre es töricht, schon Kleidung anzulegen, die später noch sichtbar getragen wird. Das gilt übrigens auch für meine eigene Anzieh-Strategie.

    07:10 – Mini sitzt im Hochstuhl, ich bereite ihr Frühstückchen zu und mir fällt auf, dass mein Kaffee fehlt. Steht ja noch im Kinderzimmer. Noch ist alles entspannt und ich bin mir sicher, dass wir heute superüberpünktlich los kommen, denn hey, wir haben ja noch fast ne Stunde!

    07:35 – Bis endlich mal genug Essen im Kind verschwunden ist! Und bis man immer alles wieder weggeräumt und Essensreste von Kind und Kücheneinrichtung entfernt hat! Fünf nach halb schon – und mein Kaffee steht nach wie vor im Kinderzimmer.

    Jetzt muss ich aber nur noch Mini finalisieren, meine Klamotten raussuchen, mich schnell durchs Bad schleusen und anziehen und dann können wir ja praktisch schon los. Jetzt aber erst endlich mal den Kaffee nachschenken. Rasieren lasse ich jetzt. Das geht für heute noch.

    07:42 – Minis Gesicht, Kopf, Hände sind saubergewaschen, das Tagesoutfit sitzt. Jetzt wieder Mini absetzen, dieses Mal in ihr Laufenlerngestell mit Lenkrad, Hupe und Musiktasten. So kann sie direkt in der Badtür rumdümpeln, während ich mich fertigmache. Der musikalische Soundtrack hat CIA-Folter Qualitäten: Mini drückt munter auf den Musiktasten herum, so dass jede der drei Dudelmelodien nur ein paar Töne lang spielt, bevor die nächste beginnt.

    07:57 – Jetzt putzen wir noch zusammen Zähne. Das heißt ICH putze mir die Zähne, während Mini auf der Waschmaschine sitzend mit ihrer Zahnbürste abwechselnd auf die Wandkacheln und auf ihren Kopf eindrischt, so dass alles voller Zahlpastafleckchen wird – außer ihre Zähne. Meine Versuche, die Bürste in die Nähne ihrer Zähne zu bringen werden mit Wutschnute und Gegenwehr quittiert.

    08:00 – Sauber. Eigentlich sollten wir JETZT aus dem Haus gehen, denke ich, während ich Mini auf den Esstisch setze und sie für draußen anziehe. Sie hilft mit, indem sie keinen Bock hat, still zu sitzen, nach den Steinchen in der blöden Kerzen-Dekoschale hinter sich greift, aufstehen will, mich in den Wahnsinn treiben will. Ihre Chancen auf Erfolg stehen gut. Ihr Beutelchen mit Trinkflasche und Frühstücksbox hänge ich an die Tür zum Windfang, damit ich sie auch nicht vergesse. Ab auf den Boden mit Mini, während ich mir Jacke und Schuhe anziehe. Dass Mini mir dabei am Hosenbein hängt, macht das Schuhebinden einfacher. NICHT! Ich bin mittlerweile richtig gestresst und mir ist ziemlich warm. Mini verliert das Gleichgewicht, als ich vom linken zum rechten Schuh wechsele. Sie fällt um, stößt sich dabei leicht den Kopf, und ist jetzt sehr sehr ungehalten. Was ich tue: Ooooh nein, arme Mini, komm her, pustpust, streichel, kuschel, alles wieder gut! Was ich denke: —zensiert—

    08:05 – Abmarsch. Moment. Hier stinkt doch was. Neeeiiinnn! Endgegner-Windel! Mini! Musste das jetzt noch sein, du kleine Pupsfrikadelle? Hilft ja nix.

    08:11 – Ich schwitze jetzt. Aber ich stehe in der geöffneten Wohnungstür und zwischen mir und dem Abmarsch steht nur noch die plötzliche Erkenntnis, dass mein Handy noch im Wohnzimmer am Ladekabel hängt. Rein. Raus. Zuschließen. Runter.

    08:14 – Arme Mini. Muss dieses Gehetze immer ertragen. Ich habe ein leicht schlechtes Gewissen, denn sie kann ja nun gar nichts dafür. Immerhin sind wir nun auf dem Weg zur Kita, das Frühstück beginnt erst um halb neun, Mini nuckelt am Nucki und es regnet nicht.

    08:19 – Mit Mini auf dem Arm schlurfe ich mit den riesen Überziehgaloschen an den Füßen durch die Vorhalle der Kita, überquere eine dicke, weiche Turnmatte und gebe mir Mühe, nicht auf die Fresse zu fallen. Im Umkleideraum Jäckchen aus, Kita-Schuhe an, dann der Versuch sie zu animieren, an meiner Hand selber in den Gruppenraum zu laufen. Aber nichts zu machen. Also Arm. Ich schwitze sowas von.

    Und da fällt es mir auf. Das Beutelchen mit ihrem Frühstück… Türklinke Windfang. Ich weiß doch eigentlich, dass ich es an die WOHNUNGSTÜR hängen muss, weil ich sonst dran vorbeilaufe! Alter!! Jetzt bin ich mein eigener Endgegner!

    08:21 – „Schaffen Sie’s bis halb, den Beutel zu holen?“ Klar. Mein anderes Krafttier ist Roadrunner. Mini hat heute ihren Anhänglichen und sie heult mir vom Arm der Erzieherin aus hinterher. Tschüüüüß meine Süße!

    08:29 – Im Stechschritt ist das Timing tatsächlich zu machen und jetzt lege ich Minis Futterdose in den Korb zu den anderen, vor der Gruppentür. Von drinnen klingt es plötzlich verdächtig nach einer stark unglücklichen Mini. Die hat mich blöderweise durch die Scheibe in der unteren Türhälfte entdeckt und krabbelt jetzt heulend auf die Tür zu. Es bricht mir echt das Herz, aber reingehen würde es nur schlimmer machen. Also nix wie weg hier.

    08:40 – Ich sitze seit fünf Minuten in der U-Bahn, die jetzt losfährt. Ich schwitze sowas von, ich bin endgenervt, ärgere mich über mich selbst und eigentlich hätte ich in 20 Min. eine Besprechnung mit einem Kollegen. Ich maile, dass ich mich ein ganzes Eck verspäte. Ich wünsche mir jetzt ein Bier und eine Kippe.

    Und bei euch so?

    Das Gute ist ja, dass es nicht immer so ist. Derzeit laufen die Morgenroutinen recht harmonisch ab. Was allerdings nicht daran liegt, dass ich organisierter und pünktlicher geworden bin, sondern dass mir mittlerweile alles egaler ist. Und daran, dass ich das Beutelchen nun IMMER an die Wohnungstür hänge. Das hilft. Beides.

    Wer kennt das auch? Geht das nur den Vätern so? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass es bei Mum so laufen würde.