Driving home for Christmas oder: Vor’m Christkind kommt der Endgegner

Ich weiß jetzt, was es bedeutet, mit Kind und Kegel – genauer gesagt Kind und Frau, keine Ahnung, warum man Kegel sagt – in die Weihnachtsferien zu fahren. Unser heutiger Vormittag hätte auch das Filmskript für eine kitschige amerikanische Weihnachtskomödie sein können. So in Richtung Chevy Chase packt den Riesenkombi voll, natürlich unter Mitnahme aller denkbaren Widrigkeiten. Wir waren so ein Klischee während den arbeitsreichen Stunden zwischen 5 Uhr morgens und 13 Uhr, dass es schon wieder witzig war. Bevor jetzt ein falsches Bild entsteht: Wir haben natürlich nicht acht Stunden zum Beladen des Autos gebraucht. Das Konzept war ganz einfach: den Vormittag des 23.12., meinem ersten Urlaubstag, wollten wir ganz entspannt für sämtliche Reisevorbereitungen nutzen und einfach irgendwann um Mittag herum losfahren, wenn wir eben fertig sind. Vom Prinzip her hat das auch genau so geklappt, Mum und ich hätten nur nicht gedacht, dass es so anstrengend werden würde. Und Mini dachte wohl nicht, dass sie dabei so wenig hilfreich sein würde. Sie hat sich nämlich wirklich Mühe gegeben, durch penetrante Schrei- und Zetergeräusche, von ihrem Aussichtspunkt aus die Abläufe zu beschleunigen. Woher soll sie auch wissen, dass sie sich dabei auf der falschen Seite der feinen Linie zwischen helfen und nerven befand.

Weihnachtsferien heißt in diesem Fall, für gerade mal vier Tage zu den Schwiegereltern ins Nachbarland Meck-Pomm an die Ostsee zu fahren. Das ergibt zwar ein paar Kilo weniger Gepäck zum Schleppen, als bei einer richtigen Ferienreise, aber der Vorbereitungs- und Packaufwand ist der Gleiche. Der Optimist in mir schätzte die voraussichtliche Abfahrtszeit auf 11 Uhr, schlechtestenfalls 12 Uhr. Er erwartete einen easygoing Vormittag mit einem bisschen Kind anziehen hier, einem bisschen packen da, ein paar Gängen in die Tiefgarage und einem entspanntes Frühstück irgendwo dazwischen. Schließlich würden wir riesig viel Zeit haben, da der Tag lange vor Sonnenaufgang beginnen würde, wenn der Hahn – beziehungsweise das Küken – zum Morgenappell kräht.

Bis man als Familie mal loskommt

Um fünf Uhr, nach einer Nacht mit ziemlich zerstückelten Schlafphasen (Mini hatte wohl beschlossen, den Schwierigkeitsgrad in diesem Spiel von vornherein auf „Advanced“ zu setzen), war ich zwar noch müde, aber die Welt war in Ordnung. Mini’s Windel nicht. Die war megavoll. So voll, dass der nasse Fleck am unteren Rücken schon bis durch den Schlafsack gedrungen war. (Sind wir jetzt schlechte Eltern? Nein. Unser Kind pinkelt nur sehr gerne.) Mini nahm es nicht ohne Stolz zur Kenntnis und widmete sich danach brav dem eigenständigen Einspeicheln diverser Spielzeuge. Ich erledigte währenddessen alles Mögliche, von dem ich gar nicht mehr weiß, was es eigentlich war und wofür. Aber ich bin sicher, es diente der Sache. Mum durfte noch schlafen, denn sie hatte die Nachtschicht übernommen. Dann die erste Unterbrechung, weil Baby hungrig und danach Baby müde. Schlafen geht natürlich nur im Arm eines der Erzeuger, logisch. Also Arbeitspause. Beim Babyhalten auf der Couch bin ich fast selber mit eingenickt. Danach machte ich ernst: Hemden bügeln, Klamotten rauslegen und auf dem Bett stapeln, wo auch Mini bäuchlings lag und unter anerkennendem Quieken Sabberflecken auf dem Laken produzierte. Neue Erkenntnis: Wirft man Unterwäsche direkt vor dem Baby aufs Bett, lacht es. Warum auch immer. Alte Erkenntnis: Arbeiten macht hungrig. Deshalb Frühstückspause am mittleren Vormittag. Erste Ermüdungserscheinungen. Erste Zweifel am Realitätsbezug der Zeitschätzung. Als ich gerade zur Tat schreiten wollte, die widerlich leeren Koffer im Schlafzimmer mit meinem Kram zu füllen, musste ich feststellen, dass Mini mittlerweile auf unserem Bett zum Schlafen gebracht wurde. Um Prinzessin’s Zorn nicht zu erwecken, fuhr der Knappe also mit anderen niederen Arbeiten am Hofe fort. Etwa Proviant bei Rewe holen und auf dem Rückweg das Wageninnere von Leergut befreien. Schon einige Treppenstufen vor der Wohnungstür hörte ich das theatralische Wehklagen. Was tut sie dir nur wieder an, deine Mutter? Achja, ich sehe: Sie wagt es, sich dem Einpacken deiner zehntausend Ess- und Trinkutensilien, Kleidungsstücke, Wickelsachen und Spielsachen zu widmen, anstatt dir selbst. Tja, wieder was gelernt fürs Leben? Nein, natürlich nicht. Das Geschrei dauerte an, die verbale Verständigung zwischen den Erwachsenen war schwierig und die notwendigerweise erhobene Stimme führte zu Missverständnissen. Das Nervenkostüm aller Beteiligten hatte erste Scheuerstellen und Laufmaschen.

Auftritt des Endgegners

Drei kleine Koffer, eine große Sporttasche, einen Rucksack, eine IKEA Tüte voller Geschenke, einen Kinderwagen und eine Babywippe später habe ich das Kofferraumtetris mit Luft nach oben gewonnen und Schweißperlen auf der Stirn. Tannenbaumlichter ausschalten, Wohnungstür abschließen, drei Kreuze machen. Mit Wickeltasche und Mini auf der Schulter folgt der letzte Gang in die Tiefgarage. Während wir die zwei Stockwerke hinabsteigen macht Mini auf meiner Schulter gestresst-erschöpfte Seufzlaute. Kein Wunder, denn so wie die großen Wesen den ganzen Vormittag herumgeflitzt sind und geschuftet hatten, da kann Baby schonmal einen Sympathie-Burnout kriegen. Als die kleine Passagierin endlich ihre Sitzposition eingenommen hatte und sich mit den Sicherheitsvorkehrungen an Bord vertraut machte, gab sich die Crew einen vorsichtigen High-Five. Alles schien so, als ob jetzt zwei Stunden entspannender Reise nichts mehr im Wege stünde.

Keine viertel Stunde später. Wir schieben uns gerade durch den Stau in Norderstedt, da erscheint der Endgegner: Mini kackt geräuschvoll und ausgiebig in die Windel. Das können wir aus zwei Gründen nicht ignorieren: Erstens verdichtet sich die Luft im Auto unangenehm. Zweitens, das arme Kind. Wir können sie ja schlecht zwei Stunden so sitzen lassen. Also biegen wir direkt in den nächstbesten Rewe-Parkplatz ein, belegen zwei Parklücken – egoistisch, aber leider nötig – und wickeln Mini auf der Rückbank. Und zwar so zügig wie möglich, denn sonst erfriert sie und zum anderen würden wir sonst eher früher als später von dutzenden Parkplatzsuchenden gelyncht.

Endlich schienen wir genügend Karmapunkte verdient zu haben, denn kurz darauf schlummerte der kleine Endgegener seelig, die Straßen waren frei, die Fahrt entspannt. Bei Ankunft wartete im schwiegerelterlichen Kühlschrank bereits ein kaltes Rostocker Pils auf mich. The End und Merry Christmas!

1 Kommentar

  1. Selten so amüsiert u soviel bedauern! Is ne Kolumne von wert in Zeitschrift. ELTERN … junge Eltern verkraften das (meistens). Je mehr Routine – zumindes immer wieder… hoffentlich reicht es für ein paar päuschen in B. Gute Tage noch! Pa

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