Frauchen und ich standen mit einem Bündel anderer deutscher Touristen auf dem Hof des Wohnmobilvermieters. Wir hatten hier bereits den halben Tag verbracht. Nach langem Warten kam die langwierige Einweisung in die Bedienung des „RV“ (Recreational Vehicle), unterbrochen von überflüssigen Fragen und noch viel überflüssigeren Witzen der unangenehm aufgedrehten Sportsocken-in-Sandalen-Cowboys und ihren Frauen. Wir machten drei Kreuze, als wir nach Stunden endlich die Schlüssel in der Hand hielten und Starterlaubnis hatten. Was hatte ich mich auf diesen Augenblick unserer Hochzeitsreise gefreut. Als großer Fan großer amerikanischer Autos liebe ich das blubbernde Grollen eines überdimensionierten V8-Motors fast so sehr wie die Stimme meiner Frau. (Fast, sagte ich!) Und weil wir in Kanada sind, steht auf unserem Gefährt nicht „Hymer“, sondern „Adventurer“ und es verfügt nicht über vernünftige 4 Zylinder, die sich mit effizienten 2000 ccm abmühen – nein. Beim sanften Druck aufs Gas räuspern sich 8 Pötte aus den Tiefen ihrer 5,4 Liter Hubraum. Ich könnte glatt Pipi in den Augen kriegen, doch wir manövrieren mal lieber schnell vom Hof, bevor noch jemandem was einfällt. Gänsehaut ist aber drin.

Unser Hochzeitsreise-Mobil (Ford E-350)

Unser Hochzeitsreisemobil (Ford E-350) – Dad likes!

Wir rüsteten uns noch schnell mit Lebensmitteln für die ersten paarhundert Kilometer. Nur das mit dem Alkoholvorrat müssen wir nochmal neu angehen. Noch nichtmal ein Feierabendbier findet sich im Supermarkt, sowas verkaufen ausschließlich Liquor Stores. Na erstmal muss es überhaupt Feierabend werden. Also wieder Blubbermotor an und rauf auf den Trans Canada Highway. Der führt tausende Kilometer von der West- bis an die Ostküste und wir nehmen jetzt die Auffahrt in Richtung bestem Roadtrip aller Zeiten. Ohne feste Reiseroute und schon gar nicht mit festem Zeitplan. Wir wissen nur, wir haben 1700 km inklusive, 11 Tage Zeit und wir wollen definitiv den Banff National Park sehen.

Hinter uns Vancouver, vor uns die Rocky Mountains

Wir machten so viel Strecke wie möglich an diesem verbleibenden Restnachmittag und fuhren am frühen Abend zu einem Örtchen namens Merritt vom Highway ab. Merritt, so dachten wir, ist ein kleines Kaff im Niemandsland zwischen dem pulsierenden Vancouver und den National Parks. Ist es im Prinzip auch, nur dass es ein ganz besonderes Kaff ist, wie sich herausstellte. Die großen bunten Portraits von Gitarren-Cowboys und -girls an den Häuserwänden entlang der Hauptstraße sowie das Wildwest-Flair des 1912 erbauten „Coldwater Hotel“ fielen uns schon beim Durchfahren in Richtung Campingplatz auf. Später, beim Abendspaziergang Richtung Liquor Store und Hotel-Pub lernten wir dann: Merritt ist offiziell „Kanadas Hauptstadt der Country Musik“. Volltreffer!

Country Musiker Wandgemälde in Merritt

„Merritt, Capital Of Country Music“ – so sieht der gesamte Ortskern aus.

Merritt Countrymusiker Wandgemälde

I’m with the band.

Merritt Hotel

An der Bar des Hotel-Pub ließen wir den ersten Reisetag ausklingen.

Da liest man vorher im Marc’O Polo und im Falk die Abhandlungen über Sehenswürdigkeiten und am Ende kann man das alles in die Tonne treten. Die coolsten Sachen stehen da nicht drin. Das sollten wir noch ein paar Mal feststellen während dieser Reise. Jedenfalls schmeckte das Bier im altehrwürdigen Holzhotel gleich doppelt so gut nach dieser Information.

Sandwich, Pasta, ChiliÜberhaupt schmeckt alles doppelt so gut, wenn man auf Campingplätzen schläft und die Mahlzeiten unter freiem Himmel am Holztisch mit Flip-Flops an den Füßen einnimmt. So einfach die Mahlzeiten auch sein mögen. Wenn man jeden Tag an einem anderen Ort ist, den ganzen Tag Neues erlebt, dann wird das Essen zur Nebensache. Naja, eine sehr wichtige Nebensache. Denn ziemlich hungrig macht so ein raues Leben als einsamer Asphalt-Cowboy schon. Mal davon abgesehen, dass ich nicht einsam war. Aber mit Country-Musik im Autoradio, den von kanadischer Landschaft gesäumten Highway vor sich und filmreifen Trucks mit monströsen Kuhfängern im Gegenverkehr, da kann Dad schonmal mit einem Minimum an Pathos arbeiten: Ich war nämlich der Ranger, der Trucker, der Countrymusiker, ganz nach Bedarf. Fragt Mum, sie wird es euch mit einem Augenrollen bestätigen.

Manchmal war ich aber auch einfach nur der staunende Tourist. Zum Beispiel auf dem wunderbaren Campingplatz Sandy Point in Salmon Arm, am Shuswap Lake. Ein riiiiiesen See unter schönstem Sommerabendhimmel, Sandstrand, Ruhe und Frieden – und alle Kanadier hockten in oder selten auch vor ihren pervers großen Wohngefährten und guckten Fernsehen. Am Strand trauten wir uns erst gar nicht recht ins Wasser, hielten nach Warnschildern Ausschau, weil wir es nicht glauben konnten, das wir grundlos die Einzigen hier sind, die an diesem heißen Sommerabend planschen wollen. Scheinbar doch. Vielleicht wollen die Kanadier auch einfach jede Minute in ihrem Vehikel verbringen, weil sie so abartig viel Geld dafür ausgegeben haben, dass sie sich sonst schlecht fühlen. Es war aber auch unglaublich: Wohnmobile von der Größe von Reisebussen, Wohnwägen wie LKW-Sattelauflieger, die an megafetten Pickup-Trucks hingen. Drunter machen die’s nicht. Unser treues Zuhause auf Rädern wirkte dagegen doch irgendwie europäisch.

kanadische Riesenwohnwägen

Zwei Anschauungsobjekte zur Lektion „Dekadentes Campen“.

Angenehm war ja auch, dass wir bis zu diesem Zeitpunkt unseres Roadtrips an ziemlich un-touristischen Orten gestrandet waren. Wir waren größtenteils unter einheimischen Urlaubern. Das änderten sich jedoch auf der nächsten Etappe, die uns direkt in die Banff Stadt, im Banff National Park führte.

Zu zweit verläuft man sich weniger allein

Wegen eines ziemlich regnerischen Tiefs hatten wir spontan beschlossen, einen Fahrtag einzulegen und direkt zum äußersten Zipfel unserer Route durchzufahren, um die Sache dann in den nächsten Tagen bei hoffentlich besserem Wetter von hinten aufzurollen. Also rein in den Touristenhotspot und nach einem Tag die Erkenntnis: Banff Stadt kannste knicken. Es ist eine in jüngerer Vergangenheit aus dem Boden gestampfte Touristenenklave, die auf alt gemacht ist. Im kleinen Stadtzentrum gibt es lauter teure Lokale und im Partnerlook gekleidete Europäer. Bummeln machte trotzdem Spaß und im „St. James’s Gate“ Pub haben wir uns wohl gefühlt. Genug Downtown-Action, wir bezogen ein Plätzchen auf dem Tunnel Mountain Campground oberhalb der Stadt und stürzten uns beherzt dilettantisch in ein kleines unfreiwilliges Abenteuer.

Hoodoos

Unsere Odyssee nahm auf dem Hoodoo-Trail ihren Anfang. Hier war noch alles unter Kontrolle.

Eine Mini-Wanderung von ca. einer Stunde sollte es werden, einmal um den riesigen Campingplatz herum, der mitten in der Natur angelegt war und auf dem strenge Vorschriften hinsichtlich der Essensaufbewahrung galten, wegen der zahlreichen Bären in der Gegend. Alleine schon deshalb wollten wir nicht zu zweit tief in die Wildnis hinein. Leider ist das Leben kein Wunschkonzert, schon gar nicht, wenn man die Wanderkarte im Wohnmobil vergisst und an der alles entscheidenden Wegkreuzung auf Papa hört. Dann läuft man eben doch zu zweit allein in den tiefsten Wald hinein und gewinnt nach einiger Zeit die Erkenntnis, dass man defintiv den kurzen Rundweg verlassen hat. Auf den Wegweisern standen so ermutigende Angaben wie „Richtung Teddybears Picknick“ oder „Richtung Wolf Skat“. Absolut nichts regte sich, von anderen Lebewesen gab es nur stumme Zeugnisse: Menschliche Spuren, Hufspuren, Pferdeäpfel, dazwischen andere ziemlich große Kackahaufen, die vermutlich von Bären herrührten, ebenso wie die massiven Kratz- und Schubberspuren an den Bäumen. Statt Bären oder Menschen sahen wir dafür plötzlich den Highway. Wir standen am Waldrand, hoch oben über einem steil abfallenden Hang und auf der anderen Seite eines Flusstals erkannte ich den Highwayabschnitt, über den wir gekommen waren. Spätestens jetzt war klar, dass wir richtig weit gelaufen waren und nur die Option hatten, den Weg weiter zu gehen. Mittlerweile war es auch richtig warm geworden, wir hatten übelsten Durst, doch Wasser war natürlich keines am Mann – aber Hauptsache an Fernglas und Kamera war gedacht worden. Nur konnten wir die fantastische Natur um uns herum nicht richtig genießen, weil die ganze Unternehmung längst ein ziemlich mulmiges Gefühl erzeugte. Immerhin war Mum noch soweit guter Dinge, um an dieser Stelle eine Selfie-Pause anzuordnen. Der Pfad bog auch direkt wieder ab ins Waldesinnere und wir hofften inständig, dass wir nicht aus Versehen auf der Route für eine Tageswanderung gelandet waren. Zu allem Überfluss mussten wir uns auch noch ständig ein neues Lied oder ein neues Gesprächsthema einfallen lassen, denn menschliche Laute bewirken bei Bären ein „Bäh da kommen Menschen, ich verpiss mich“. Was für eine Ironie: Wir hatten uns so darauf gefreut, in diesem Urlaub echte Bären in freier Wildbahn zu sehen. Vermutlich waren wir ihnen auch nie so nah wie an diesem Nachmittag. Doch taten wir unser Bestes, um sie fern zu halten. Plötzlich kam die Wendung in der Geschichte: Was erst wie eine Lichtung aussah, entpuppte sich als Straße, die sich in einer Schneise durch den Wald schlängelte. Verhaltene Freude, denn wo sie hinführt wussten nur die Waldgeister und unser Wanderpfad führte auf der anderen Straßenseite direkt wieder in den Wald. Kurzer Anflug von Verzweiflung. Dann Hoffnung, denn da kam ein Mensch. Und zwar ohne schweres Marschgepäck. „Hallo, wo gehts zum Tunnel Mountain Campground, please? We have us verlaufen.“ Da drüben. Direkt vor unserer Nase war der Campground. Der Pfad führte auf die ersten Zeltplätze zu, wie wir beim genaueren Hinsehen erkannten. Euphorie! Jetzt war ich auch wieder der Ranger! (Augenrollen von Mum.)

Prinzipiell könnte ich noch zwei weitere Blogartikel mit dem Rest der Hochzeitsreise füllen. Je länger ich schreibe, desto mehr Erinnerungen und Details kommen wieder zum Vorschein. Doch das hier ist schließlich kein Reiseblog, sondern ein Vater-Blog. Deshalb habe ich den Fokus in diesem Kanada-Dreiteiler auch nicht auf typische Reisebeschreibungen gelegt, sondern auf die ganz persönlichen Eindrücke, Emotionen und Erlebnisse auf diesem großen Abenteuer unserer noch jungen Ehe. (An dieser Stelle Strafpunkte für Schnulzen-Dad!)

Was jetzt noch fehlt und zu wichtig oder zu schön war, um es wegzulassen, erzähle ich in aller Kürze mit ein paar Bildern.

Würste am Stock überm Feuer

Würste an Selbstgeschnitzten überm Campfire. Vor exakt 2 Wochen war die Hochzeit und wir küren diesen Tag zur „Stockwurstenen Hochzeit“.

Lake Louise Campground

Schauplatz der „Stockwurstenen“. Der Lake Louise Campground liegt mitten im Wald und ein Elektrozaun um das gesamte Areal soll Bären abhalten.

Lake Louise

Der berühmte und ziemlich touristenverseuchte, aber wunderschöne Lake Louise hatte es uns angetan. Links und rechts daran entlang wandern war angesagt. Dabei haben wir sogar ein Stachelschwein gesehen!

Morraine Lake

Einige Kilometer entfernt vom L. Louise, der „Morraine Lake“. Hier war Ranger-Dad sogar mit den Füßen im 5° C kalten Wasser.

Eisessen in Peachland

2 tage später Kontrastprogramm zu den Nationalparks: In Peachland, im Okanagan Valley, mediterrane Landschaft und 35° C

Pubsign in  Kelowna

Großartiger Name für ein Pub! Gefunden in Kelowna, unweit Peachland, ebenfalls bei 35° C

Vintage Pickup auf dem Schrottplatz

Darf nicht fehlen: Dad fährt auch mal extra vom Highway runter, weil er einen Schrottplatz zum Autos gucken entdeckt hat.

Am Ende hatten wir unsere Inklusivkilometer um 300 überzogen und hatten trotz 2.000 gefahrenen Kilometern erst einen winzigen Teil dieses gigantischen Landes erkundet. Und selbst in diesem winzigen Teil haben wir aus Zeitgründen Prioritäten gesetzt. Wir hätten glatt noch einen Monat drangehängt, wenn wir gekonnt hätten. Dieser Trip war nicht einfach nur ein fantastischer Urlaub, er war auch eine Bestätigung meiner Heiratsentscheidung. Nicht, dass es die nach vier vorangegangenen Jahren noch gebraucht hätte. Aber drei Wochen lang nonstop zusammen glucken, davon elf Tage im engen Wohnmobil, ohne Streit oder Anzickereien, das ist eine Ansage. Eine Ansage an die Zukunft, dass sie uns so leicht nichts bieten kann, das uns zusammen überfordert. Als nächstes müssen wir zeigen, dass wir auch ein Kind zusammen groß kriegen. Aber Mum und Dad haben schließlich den Bärenpfad des Todes gemeistert, wir schaffen auch das. Und schon bald werden wir Mini mit auf Reisen nehmen.

PS: Wer hier erst eingestiegen ist, kann noch Teil 1 und Teil 2 der Hochzeitsreise nachholen.