Seit 8 Wochen Dad – über Schlafmanagement und murkelnde Zombieküken

Gestern war Mini zwei Monate alt. Seit meiner ersten Bestandsaufnahme, zehn Tage nach Mini’s Geburt, sind wieder ca. 50 Tage vergangen und eine Menge hat sich getan. Es wurden – grob überschlagen – 35 Liter Pre-Milch verfüttert, 350 Windeln gewechselt, dabei 1.750 Feucht- und Trockentücher verbraucht, 500 Bäuerchen gemacht und 5.000 Pupse gelassen (ausschließlich durch Mini, wie ich betonen möchte – sonst wäre die Zahl höher). Zudem wurden beim beruhigenden Herumtragen vermutlich 15.000 Meter Laufstrecke durch die Wohnung absolviert sowie mindestens eine Million Fotos von Mini geschossen. Okay, ein paar Hundert waren es auf jeden Fall.

Das klingt nicht nur nach einem Vollzeit-Job, das ist es auch. Den mitlesenden Eltern erzähle ich hier nix Neues, den Eltern in spe habe ich hoffentlich die Illusion genommen, dass es einfach wird. Falls die überhaupt jemand hat. Noch nichteinmal ich dachte das, obwohl ich sonst an die meisten Dinge mit einer wird-halb-so-wild-Einstellung herangehe. Ich habe sicherheitshalber mit dem Schlimmsten gerechnet. Mit der absoluten Erschöpfung, dem totalen Untergang meines Lebens wie ich es kannte. Das wiederum war auch übertrieben, jedoch vermutlich eine gute Strategie, denn ich bin positiv überrascht, wie wenig schlimm es bisher ist. Also mit der Belastung jetzt. Das Kind an sich ist natürlich eh nicht schlimm, sondern der nackte Überwahnsinn. Eine Menge Dinge rund um unsere kleine Hoheit gehen leichter und intuitiver von der Hand, als ich vermutet hätte. Dazu kommt, dass wir tatsächlich mit einem anfängerfreundlichen Kind gesegnet sind: Sie ist kein Schreikind, sie mag das Wickeln, sie mag das Baden, sie hat keine übertriebenen Koliken und reagiert auf wenigstens ein paar Beruhigungstaktiken. Das darf man eigentlich gar nicht erzählen, denn vermutlich zieht man den Zorn unzähliger Eltern auf sich. Dennoch bleibt eine ganze Menge Arbeit und Zeitaufwand übrig. Ich habe mich schon oft gefragt, was wir eigentlich vorher in all den Stunden des Tages gemacht haben, die wir jetzt pro Kopf mit dem Bepuscheln von Mini zubringen, oder mit der Erledigung von zusätzlichen Hausarbeiten wie Milch machen, Fläschchen spülen, Babyutensilien in der Wohnung einsammeln, Wickeltisch aufräumen, Schlaf nachholen.

Wir sind uns jedenfalls einig: Hut ab vor allen Alleinerziehenden. Allemal vor Alleinerziehenden mit zwei oder mehr Kindern. Gar nicht zu sprechen von Alleinerziehenden mit Schreikind. Ein solches ist ja für Paare schon eine extreme nervliche Herausforderung. Auch wenn Mini relativ friedlich ist, sie hat ihre ganz eigenen Nervmethoden, uns um den Schlaf zu bringen und die Harmonie im Hause zeitweise erfolgreich zu torpedieren.

Dawn of the Zombieküken

Zum Beispiel, wenn es morgens um drei ist, sie nach den Regeln der Logik eigentlich hundemüde sein müsste, weil vollgefüttert und trocken, aber stattdessen notorisch nörgelt, den Schnulli ausspuckt, dafür aber wie wild am Finger saugt, was bedeutet: „Hunger! Jetzt!“. So weit, so legitim. Aber wenn man dann zwei Minuten später mit schleppenden Schritten und resigniertem Gesichtsausdruck das perfekt temperierte Fläschchen ins Zimmer trägt, hier jedoch plötzlich ein seelig schlummerndes Kind vorfindet, dann ist es einer dieser Momente, in denen man sich selbst leid tut. Nun könnte man denken, okay, sie verarscht dich, aber immerhin kann die Familie jetzt wieder schlafen. Das könnte sie auch, wenn Mini nicht die Angewohnheit hätte, uns sogar während sie schläft wach zu halten. Nehmen wir also an, das vorgenannte Fläschchen wurde warm gestellt, das Bettchen samt schlafender Babyziege vorsichtig wieder ins Schlafzimmer bugsiert, das Licht gelöscht, ins Bett gekrabbelt und mit Glücksgefühl in Kissen gesunken. Dann ist der Moment des Zombiekükens gekommen. Es dauert dann nämlich nur zwischen 10 und 180 Sekunden bis Mini anfängt im Schlaf zu quietschen, zu stöhnen und zu ächzen. Wie eine Mischung aus winzigem Zombie und verrostetem Türscharnier. Das macht sie kaum, wenn sie tagsüber schläft. Hauptsächlich nachts. Ob es Träume sind, ob es Verdauungsnebenwirkungen sind oder ob sie einfach nur doof ist, wir werden es nie erfahren. Aber diese Geräusche haben den gleichen Effekt wie das Brüllen eines Schreikinds: Sie halten wach. (Wenn auch auf weniger nervenzerrüttende Weise.) Der Elterninstinkt verhindert nämlich, dass man dabei einschlafen kann. „Murkeln“ nennen wir das, wenn sie unruhig und zappelig ist. So betreiben wir mittlerweile Schlafmanagement, um nicht beide permanent übermüdet zu sein: Einer darf die erste Hälfte der Nacht durchschlafen, während der andere mit Mini ins Kinderzimmer umzieht, sobald sie anfängt, zu murkeln. In den frühen Morgenstunden wird getauscht.
Schließlich müssen ja auch beide fit sein, um entweder zu arbeiten oder aber Mini’s mittlerweile stark angewachsenes Bespaßungsbedürfnis zu stillen. So extrem verschlafen wie sie während der ersten paar Wochen war, so wach und entdeckungslustig ist sie mittlerweile. Das sie tut mit einer erweiterten Form des Murkelns kund.

Trendsport: Extreme-Murkeling

„Murkeln“ ist auch etwas Positives: Nämlich der Zustand, wenn sie tagsüber ihre hellwach-Phasen hat, während denen sie wie auf Koks ist. Dann strampelt und zappelt sie, guckt mit großen Augen in alle Richtungen, reagiert auf Reize und reagiert gereizt, wenn man es wagt, sie einfach abzulegen, anstatt ihr bunte Dinge zu zeigen oder mit ihr zu spielen. Oder sie wenigstens am Körper zu halten. Sie liebt es, den großen Kastanienbaum vorm Wohnzimmerfenster zu betrachten, wie er sich dunkel gegen den hellen Himmel abhebt und sich im Wind bewegt. Sie liebt es, das bunte Bücherregal zu betrachten (ich sag ja immer, es ist scheiße, alles zu digitalisieren). Sie liebt es, ein Gesicht zu sehen, dass Geräusche von sich gibt und sie mag es, bewegt zu werden. Hier kommt eine neue Trendsportart ins Spiel, die nur Väter erfinden können, weil Mütter dafür viel zu vorsichtig sind: Extreme-Murkeling. Das geht so: Dad sitzt im Sessel, Mini liegt in der Bäuerchen-Lage über seiner Schulter. Das macht nur Sinn, wenn sie auch wirklich zappelig, also „murkelig“ ist. Dad zählt 3, 2, 1, lässt Mini dann los und hält nur die Hände ohne Kontakt neben ihr, um sie zur Not abfangen zu können. Jetzt wird Mini sich durch ihr Gezappel langsam ins Rutschen begeben. Nun gibt es mehrere Moves. Sie flutscht von der Schulter über die Brust herunter und kommt auf dem Schoß zum Liegen: Das war eine Straight-Line. Oder sie rutscht gleich auf der Brust seitlich ab, um zwischen Armlehne und Dad eingeklemmt zu landen: Ein Side-Slider. Sie kann auch nach der Straight-Line noch einen Side-Slider dranhängen. Und dann kann sie manuell von Dad von der einen Seite durch rollen quer über seinen Bauch zur anderen Seite bugsiert werden. Das ist dann eine Cross-Roll. Sogar bergauf-Murkeln geht, wenn sie auf seinem Bauch liegt und Dad die angezogenen Füßchen mit den Händen abstützt. Dann schafft sie es, sich durch Beine-Durchstrecken nach oben zu schieben. Bei allen Moves guckt sie leicht erstaunt, aber nicht unbeeindruckt von sich selbst. Drei bis vier Runden zieht sie durch, bevor sie genug hat.

Jede Woche ein kleiner Fortschritt

Mum ist für die Alberspiele mit den hohen Lauten zuständig, die nur Hunde und Mini hören können. So schafft sie schafft es regelmäßig, sie zum Lachen zu bringen. Aus ihrem gelegentlichen, unwillkürlichen Engelslächeln ist mittlerweile ein breites Grinsen geworden, das durch Reize hervorgekitzelt werden kann. Manchmal sogar mit Geräusch. Das sind dann die besten Momente. Besser als Murkeln, besser als niedlich schlummern. Wenn die Kleine lacht, dann ist jede schlaflose Minute verziehen und auch jede Kackapippi-Attacke, die perfekt getimed nach dem Abnehmen der Windel auf dem Wickeltisch ausgeführt wurde. Es ist schwer zu sagen, wer beim stundenlangen Bespaßen glücklicher ist, Mum oder Mini. Hingebungsvoll machen die beiden zusammen Laute, bringen sich gegenseitig zum Lachen, üben das Greifen von Sachen, murkeln auf der Spieldecke herum.

Dadurch, dass man andauernd mit der Kleinen beschäftigt ist, hat man den Eindruck, nie etwas anderes gemacht zu haben. Auch das Maß in dem sich Mini in Aussehen und Verhalten bereits verändert hat, lässt die Zeit vor ihr, unser kinderloses Leben, die Tage im Krankenhaus, total weit weg erscheinen. Obwohl es gerade mal zwei Monate her ist. Vom passiven Wesen, das nur schläft, dem man das Trinken aufzwängen muss, ist sie zu einem lustigen, hungrigen, munter herumfäkalierenden Mitbewohner geworden. Und während wir am Anfang kaum Klamotten hatten, die ihr nicht meilenweit zu groß waren, da sie recht klein und leicht war, ist sie jetzt bereits aus den ersten Sachen herausgewachsen. Immerhin 4 cm hatte sie bei der U3 vor zwei Wochen zugelegt und die Badwaage zeigte vor ein paar Tagen stolze 5.200 g an.

Läuft bei ihr. In jedem Sinne des Wortes.

1 Kommentar

  1. Süß geschrieben!
    Ja, von Woche zu Woche können die Mäuse immer mehr. Es ist so schön mit anzusehen.
    Übrigens, das mit dem Bespaßen wird noch lustig, wenn Mini dann irgendwann alle Dinge bereits kennt und abgeschmatzt hat. Dann muss man sich echt was einfallen lassen :DDD

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